Sport in Sachsen-Anhalt

König Fußball und die Überraschungssieger: So sportlich ist Sachsen-Anhalt wirklich

Bild: Canva

Während der Handball die Schlagzeilen beherrscht, pfeift auf den Sportplätzen ein ganz anderer Wind.

Profi-Clubs wie der SC Magdeburg sind international bekannt und erzielen Erfolge. Doch unsere Datenanalyse zeigt eine klare Dominanz des Fußballs. Eine Einordnung anhand der Top 5 beliebtesten Sportarten im Vergleich von Geschlecht und Alter in Sachsen-Anhalt und Deutschland. Klickt euch gern durch die interaktiven Grafiken und entdeckt, wie sich die Sportwelt in Sachsen-Anhalt im Vergleich zum Bund unterscheidet! 🙂


Autorinnen: Nele Wilk und Hanna Köppen

13–20 Minuten

Rehabilitations- und Behindertensport wurde in dieser Datenstory nicht berücksichtig, obwohl es laut Daten zu den mitgliedsstärksten Sportangeboten zählt. Der Fokus dieser Datenstory liegt auf den klassischen Sportarten wie Fußball, Handball und Leichtathletik, um eine bessere Vergleichbarkeit möglich zu machen. In den Visualisierungen werden die Farben Blau und Rot zur Unterscheidung der Geschlechter verwendet, da diese die gängigsten Farben sind. Uns ist bewusst, dass es mehr als nur ,,männlich“ und ,,weiblich“ gibt. Unsere Datastory beschränkt sich dennoch nur auf diese beiden Geschlechter, weil andere Angaben kaum bis gar nicht vorhanden sind.

Bei Fragen zu unserer Data-Story schreibt uns gern eine Mail (einsehbar via Kontakt ganz unten).

Pfiff. Der Ball rollt. Stimmen von der Seitenlinie. Schnelle Schritte über den Rasen. Lena ist mittendrin, fordert den Ball, spielt weiter. Für diesen Moment zählt nur dieses Fußballspiel. 

Dass Lena Fußball spielt, wirkt heute ziemlich selbstverständlich. Doch das war es lange nicht. Lena ist 24 Jahre alt und spielt seit fast 20 Jahren Fußball – angefangen hat alles, als sie fünf war. Schon bevor sie in einem Verein spielte, trat sie als Kind gegen alles, was sich dafür eignete. Fußball war kein Hobby, es war Instinkt. ,,Ich war bestimmt dazu zu spielen’’, sagt sie heute. 

Der Sport liegt in ihrer Familie: Opa, Onkel und Vater standen selbst auf dem Platz. Ihre Mutter ebenfalls – zumindest innerlich. Sie durfte damals nicht spielen. Was für Lenas Mutter unmöglich war, ist für Lena heute Realität geworden. 

Früher war Lena ,,das Mädchen bei den Jungs’’, begleitet von skeptischen Blicken und Sätzen wie: ,,das kann doch kein Mädchen sein.’’ Heute entstehen Frauenmannschaften und Vorurteile bröckeln. Lenas Weg zeigt vor allem eines: Wenn Leidenschaft stärker ist als Erwartungen, dann lässt sie sich nicht aufhalten. 

Eine Sporthalle in Sachsen-Anhalt. Der blaue Boden ist längst abgenutzt, die Linien verblasst. Doch im warmen Licht der tiefstehenden Abendsonne glitzern Staubpartikel und Kreidereste in der Luft, als wäre die Halle für einen Moment mehr Bühne als Trainingsort.

Feines, weißes Puder tänzelt im Lichtstrahl, als Fabi (24) seine trockenen Hände noch ein letztes Mal zusammenschlägt. Ein kurzes, dumpfes Plopp, dann wird es still. Er tritt an den Barren, umfasst das Holz, schwingt sich hoch. Jetzt zählen nur Körperspannung und Präzision. Jeder Griff sitzt, jede Bewegung ist Millimeterarbeit. Eine kleine Abweichung entscheidet über sicheren Stand oder Wackler.

Abseits der Matte wirkt Fabis Geschichte weniger geräuschlos. Er ist Teil einer Sportart, die viele noch immer als „typisch weiblich“ abstempeln. Schon als Kind war Bewegung sein Element. Er testete vieles aus, doch zwischen Reck und Ringen fand er das, was blieb. Während andere Jungs sich endgültig für den Fußball entschieden, blieb Fabi in der Turnhalle – auch dann, wenn Stirnrunzeln und Sprüche folgten.

Als er nach seiner Übung sanft auf der Matte landet und aus der Konzentration zurück in den Hallenlärm findet, stellt sich die Umgebung wieder scharf aus dem Hintergrund. Fabi wischt sich den Kreidestaub von den Händen – und merkt, dass er längst nicht mehr der einzige Junge ist, der sich zwischen Reck, Barren und Boden zu Hause fühlt. 

Zwei interessante Sichtweisen auf den Sport in Sachsen-Anhalt. Doch starten wir erstmal mit den Grundlagen.

Sport kennt kein Geschlecht – oder doch?

Das Mädchen, das Fußball spielt und der Junge, der turnt – für manche Menschen immer noch ungewohnt. Ein Blick auf die Mitgliederzahlen der Sportvereine in Sachsen-Anhalt zeigt warum.  

Fußball ist insgesamt die mit Abstand mitgliederstärkste Sportart im Bundesland und steht bei den Männern unangefochten auf Platz eins mit 85.126 von 95.541 Fußballmitgliedern, das sind fast 89 Prozent. Bei den Frauen liegt Fußball auf dem zweiten Platz, allerdings mit nur 10.398, also 11 Prozent, der Mitglieder.

Turnen zeigt ein entgegengesetztes Bild: bei den Frauen ist es äußerst beliebt mit 79 Prozent (26.806 von 33.805 Mitgliedern), während weniger als 7.000 männliche Mitglieder (21 Prozent) in einem Turnverein organisiert sind, weshalb Turnen es nicht in die Top-5 schafft. 

Die beiden Sportarten zeigen also noch immer deutlich, welches Geschlecht es ausübt: so sind es 9/10 Jungen, die Fußball spielen und nur 1/10 Mädchen. Im Turnen ist es recht ähnlich, denn 8/10 Mitgliedern sind weiblich und nur 2/10 sind männlich.

Die übrigen Top-5-Sportarten spiegeln die geschlechterspezifische Verteilung wider: 

Frauen: Turnen, Fußball, Leichtathletik, Reiten, Handball

Männer: Fußball, Schießen, Handball, Tischtennis, Leichtathletik 

Turnen und Reiten gelten als typische Frauensportarten. Fußball, Schießen und Tischtennis sind männlich geprägt. Gleichzeitig gewinnen Fußball und Handball an Bedeutung – ein Hinweis darauf, dass traditionelle Muster langsam aufbrechen. 

Die Sportsoziologin Ilse Hartmann-Tews verweist darauf, dass Kinder schon früh mit stereotypischen Bewegungsmustern und Körperbildern vertraut gemacht werden. Also sind die Unterschiede der Sportauswahl auf soziale Prägung zurückzuführen. Schon im Kindesalter werden Jungen häufiger an wettkampforientierte, körperbetonte Sportarten herangeführt, während Mädchen mit koordinativen und körperlich-ästhetischen Sportarten in Kontakt kommen. All das spiegelt sich in den Vereinsstatistiken wider. 

Sport ist keine Frage des Alters

Auch das Alter prägt die Sportauswahl in Sachsen-Anhalt deutlich. Die Mitgliederzahlen zeigen, dass sich bei der Auswahl der Sportvereine im Laufe des Alters leichte Unterschiede ergeben. 

Bei den Kindern und Jugendlichen ist Fußball mit 33.756 Mitgliedern mit Abstand die beliebteste Sportart. Danach kommen Turnen (10.722), Leichtathletik (7.903), Handball (6.908) und Reiten (4.542). Diese Sportarten ermöglichen einen frühen Einstieg in den Vereinssport, vermitteln grundlegende Bewegungsformen und sind häufig leicht zugänglich. Viele Kinder kommen im frühen Alter über Schule oder Familie und Freunde mit ihnen in Kontakt. Dabei steht vor allem der Spaß an Bewegung und das gemeinsame Sporttreiben im Vordergrund. 

Bei den Erwachsenen zeigt sich ein leicht anderes Bild – zwar bleibt der Fußball mit 61.785 Mitgliedern die mitgliederstärkste Sportart, aber es folgen Turnen (23.038), Schießen (18.341), Leichtathletik (9.677) und Volleyball (8.777). Diese Sportarten sind oft über viele Jahre hinweg ausgeübte Hobbys und fest im Vereinsleben verankert. Tradition, soziale Bindung und der Ausgleich zum Alltag spielen ebenfalls eine zentrale Rolle. Sportarten wie Schießen (95 Prozent der Vereinsmitglieder sind Erwachsene) zeigen zudem, dass Sportangebote mit geringer körperlicher Belastung im Erwachsenenalter an Bedeutung gewinnen. 

Sport verändert sich mit dem Alter – und nicht für alle gleich. Während einige im Verein organisiert bleiben, ziehen sich andere zurück. Besonders deutlich wird das, wenn Alter und Geschlecht gemeinsam betrachtet werden. 

Im Kleinkindalter sind die Unterschiede noch vergleichsweise gering. Jungen sind bereits häufiger in Sportvereinen vertreten, insgesamt ist die Verteilung aber relativ ausglichen. In diesem Alter stehen meist geschlechterübergreifende Angebote im Vordergrund, bei denen Bewegung, Spaß und gemeinsames Sporttreiben im Vordergrund stehen. 

Im Verlauf der Altersgruppen wird die Kluft immer größer. Den größten Unterschied gibt es bei den 27 bis 40 jährigen. Dort sind mehr als 70% der Männer in Vereinen organisiert, während weniger als 30% weiblich sind. Die Jungen profitieren deutlich von der Angebotsdichte und den Vereinsstrukturen, vor allem im Fußball – und bleiben einem Verein in der Regel über viele Jahre erhalten. Für Mädchen und Frauen stehen deutlich weniger vergleichbare Vereinsstrukturen zur Verfügung, hinzu kommen soziale Erwartungen, familiäre Verpflichtungen wie Schwangerschaft und Kindererziehung, Berufe aber auch eine geringere gezielte Förderung des Mädchen- und Frauensports. 

Auch im höheren Erwachsenenalter bleiben die Unterschiede in den Mitgliederzahlen deutlich sichtbar. Erst in der Altersgruppe 60 Jahre und älter sind Frauen häufiger in Sportvereinen aktiver als Männer. Während die männlichen Mitglieder altersbedingt aus dem Vereinsleben ausscheiden, treten die Frauen vermehrt neu ein. Im Vordergrund stehen die gesundheitlichen Aspekte sowie die sozialen Kontakte. 

Vereinsmitgliedschaft ist also nicht nur eine Frage des Alters, sondern immer noch stark mit Geschlechterrollen, Angebotsstrukturen und Lebensphasen verknüpft. 

Über den Tellerrand: Die nationale Sportlandschaft

Deutschland ist ein Land der Sportvereine: rund 28 Millionen Mitgliedschaften verteilen sich auf etwa 90.000 Vereine – so viele wie nie zuvor. Damit bleibt der organisierte Sport die größte Bürger:innenbewegung des Landes. 

Allgemein sind bundesweit über 80 Prozent der Bevölkerung grundsätzlich sportlich aktiv, Männer mit 89 Prozent knapp vor Frauen mit 85 Prozent.

Entscheidend ist jedoch der Verlauf über den Lebenslauf: Bis etwa Mitte 30 treiben mehr Männer als Frauen regelmäßig Sport, danach holen Frauen auf – und sind zwischen 35 und 64 Jahren häufig sogar regelmäßiger aktiv, allerdings oft außerhalb von Vereinen, etwa in Fitness‑ und Gesundheitssportangeboten.

In Sachsen-Anhalt leben etwa 2,19 Millionen Menschen, davon sind rund 374.000 in 3012 Sportvereinen organisiert – das entspricht 17,18 Prozent der Bevölkerung und zeigt, wie tief der organisierte Sport auch in einem eher kleinen Bundesland verankert ist. Im direkten Vergleich treiben in Baden-Württemberg bei rund 11,3 Millionen Einwohner:innen etwa 36,9% regelmäßig Sport. Während bundesweit alle 16 Landessportbünde von steigenden Mitgliederzahlen berichten, gehört Sachsen-Anhalt gleichzeitig zu den Ländern, in denen die Vereine besonders stark als Traditionsorte und soziale Gemeinschaft wahrgenommen werden.

Aber wie schlägt sich Sachsen-Anhalt im Vergleich mit den anderen Nachbarn? Unsere interaktive Grafik liefert die Antwort:

Klickt euch gern durch!


Bei den mitgliederstärksten Sportarten ähneln sich Deutschland und Sachsen-Anhalt auf den ersten Blick: Fußball, Turnen, Tennis und Schützenvereine gehören bundesweit zu den größten Verbänden, in Sachsen‑Anhalt dominieren Fußball, Turnen, Schießen, Leichtathletik und Tischtennis. In beiden Fällen stehen also klassische Vereinssportarten vorne, doch die Gewichtung ist etwas unterschiedlich: während Tennis in Sachsen-Anhalt keine Spitzenposition einnimmt, ist Leichtathletik deutlich wichtiger. Gleichzeitig fällt auf, dass die Vereinslandschaft in Sachsen-Anhalt besonders männlich geprägt ist: Nur etwa 40 Prozent der Vereinsmitglieder sind Frauen, während bundesweit der Frauenanteil etwas höher liegt. 

Doch egal, wer wann die Sportschuhe schnürt: Über alle Altersgruppen und Geschlechter hinweg thront eine Disziplin einsam an der Spitze. Laut der AWA 2024 ist Fußball die unangefochtene Nummer eins: 28,3 % der Deutschen geben an, sich ganz besonders für das Spiel mit dem Leder zu begeistern.

Mehr als nur 90 Minuten: Der Fußball-Gigant in Zahlen

Zwischen Dresden und Dortmund, Flensburg und Freiburg ist der Fußball der eindeutig dominierende Vereinssport. Mit 7,7 Millionen Mitgliedern im DFB, über 24.000 Vereinen und mehr als 135.000 Mannschaften bildet er ein eigenes Ökosystem im deutschen Sport. Jährlich finden auf rund 45.000 Sportplätzen etwa 1,34 Millionen Spiele statt, was um die 65.000 Spiele pro Wochen entspricht. Getragen von jahrzehntelangen Erfolgen der Nationalmannschaften, riesigen Fankulturen und einer Medienpräsenz, die keine andere Sportart erreicht. Fußball ist damit zweifellos die populärste Sportart Deutschlands. Die Faszination für den Sport liegt vor allem in der emotionalen Bindung, die die Fans zu den jeweiligen Vereinen haben.

Der mitgliederstärkste Fußballverein in Deutschland ist gleichzeitig auch der mitgliederstärkste Fußballverein der Welt, der FC Bayern München. Dieser Sportverein zählt 432.500 Mitglieder. In Sachsen-Anhalt ist der 1. FC Magdeburg der Sportverein mit den meisten Mitgliedern. Der Fußballklub zählt rund 16.000 Vereinsmitgliedschaften.

Wer als Kind Sport kennenlernt, sieht in Fernsehen, Social Media und auf Trikots fast überall Fußball – und meist Männer. Doch der „Frauenfußball“ gewinnt immer mehr an Popularität. (Der Begriff „Frauenfußball“ ist nicht mehr aktuell, denn er impliziert, dass „richtiger“ Fußball nur von Männern gespielt wird.) Ein Zeichen setzt die UEFA, indem sie das Preisgeld der EM 2025 der Frauen um 156%, von 16 Millionen Euro (Frauen-EM 2022) auf 41 Millionen Euro, erhöht hat. Im Vergleich zu der Männer-EM 2024: sie hatten 331 Millionen Euro zur Verfügung. Ein Rekordsprung? Definitiv. Ein fairer Ausgleich? Noch lange nicht. Während die Spitzengehälter noch Welten trennen, wächst die Begeisterung an der Basis deutlich. In den deutschen Fußballvereinen steigt der Frauenanteil stetig. Obwohl Profi-Spielerinnen genauso hart trainieren wie ihre männlichen Kollegen, ist die mediale Präsenz noch verbesserungsfähig. Dennoch schnüren immer mehr Mädchen die Fußballschuhe, inspiriert von ihren Vorbildern, die trotz physischer Unterschiede und geringerer medialen Präsenz diesen Weg gehen.

Kinder und Jugendliche, die sich für „untypische“ Sportarten entscheiden, brauchen deutlich mehr Mut und Unterstützung.

Zwischen Vorurteilen und Leidenschaft

,,Das kann doch kein Mädchen sein, die können nicht so gut spielen“

89% Männer, aber nur 11% Frauen spielen in Sachsen-Anhalt Fußball und eine von ihnen ist Lena. 

Die 24-jährige steht seit fast 20 Jahren auf dem Fußballplatz. Angefangen hat sie mit fünf Jahren – in einer Familie, in der Fußball selbstverständlich ist. Großvater, Onkel und Vater spielten selbst. ,,Ich habe als Kind gegen sämtliche Gegenstände getreten’’, sagt sie, ehe sie mit sechs Jahren einem Verein beitrat.  

Auch ihre Mutter wollte früher Fußball spielen, doch in ihrer Jugend war das für Mädchen kaum vorgesehen – vielerorts fehlten Strukturen und Akzeptanz. Was für die Mutter damals nicht möglich war, ist für die Tochter heute selbstverständlich geworden: Lena konnte einem Verein beitreten, regelmäßig trainieren und Teil einer Mannschaft sein. 

Dass Lena als Mädchen Fußball spielt, war für sie nie wirklich ungewöhnlich. Für andere dagegen schon. Sie erinnert sich an Kommentare aus den Jugendmannschaften wie: ,,Das kann doch kein Mädchen sein, die können nicht so gut spielen’’. Hinter solchen Aussagen stehe oft die Annahme, dass Jungs leistungsfähiger und körperlich überlegen seien. ,,Viele gehen davon aus, dass Frauen schlechter sind – und dann sind sie überrascht, wenn wir mithalten können’’, erklärt sie. 

Diese Erfahrungen spiegeln sich in den Vereinszahlen wider: Fußball ist bei den Männern mit großem Abstand die beliebteste Sportart, bei den Frauen liegen die Zahlen deutlich niedriger. Für Mädchen und Frauen gibt es oft schlechtere Vereinsstrukturen, die einen langfristigen Verbleib ermöglichen.

Aber Lena ist dem Vereinssport treu geblieben. Heute beobachtet sie einen zunehmenden Wandel, denn der Frauenfußball wächst – immer mehr Mädchen beginnen früh mit dem Training und es entstehen neue Mädchen- und Frauenfußballmannschaften. 

Dennoch sieht sie aber auch noch deutliche Unterschiede in der Aufmerksamkeit und der Förderung. So würden Frauenfußballspiele schneller abgesagt werden oder erhalten weniger Sichtbarkeit. Eine Gleichberechtigung sei noch nicht erreicht – aber die Entwicklung gehe voran. Ihr Tipp an alle Mädchen und Frauen, die Fußball spielen wollen: ,,Go for it – probier dich aus!“

Lenas Geschichte steht damit im Generationswechsel: Was für ihre Mutter noch ,,untypisch’’ war, ist für Lena gelebter Alltag – und deutet auf eine schrittweise Verschiebung gesellschaftlicher Erwartungen hin. 


„Ich wurde von meinen Jungs Ballerina genannt“

Pink. Geflochtene Zöpfe. Enge Strumpfhosen. Perfekte Haltung, perfektes Lächeln. So würden viele Menschen eine Sportart beschreiben, die sie eigentlich kaum kennen: das Turnen. Doch dieses Bild bekommt Risse.

Denn Fabian, von allen nur Fabi genannt, hält von solchen Klischees gar nichts. Für ihn und den anderen Mitgliedern ist Turnen nicht nur Grazie. Es bedeutet Kraft, Körperspannung und Disziplin. Manchmal auch Schmerz. Und wer einmal gesehen hat, wie viel Kontrolle man an einem Barren braucht, wie präzise jede Bewegung sitzen muss, der merkt schnell: Hier geht es nicht nur um Ästhetik, hier geht es um echte körperliche Höchstleistung.

Fabi ist 24 Jahre alt und macht sich seit 13 Jahren mehrmals die Woche auf dem Weg in die Turnhalle. Als Kind, erzählt er, sei er ständig herumgetobt, habe Staub aufgewirbelt und sei kaum zu bremsen gewesen. Seine Mutter brachte ihn schließlich zum Turnen, einer Sportart, die noch immer oft als „untypisch für Jungs“ gilt. Er probierte es aus und blieb. Heute sind Saltos seine Lieblingsübung – der kurze Moment in der Luft, in dem man sich komplett frei fühlt.

Neben dem Turnen, spielt Fabi auch Fußball. Die Sportart, die statistisch fast jeder Junge irgendwann mal ausprobiert, und die in vielen Köpfen immer noch als „die“ Jungssportart gilt. Doch dort wurde er oft belächelt. Seine Mitspieler nannten ihn manchmal „Ballerina“ und setzt den Vergleich zum Turnen „Fußball ist einfach eine andere Welt“. Und nicht nur auf dem Platz bekommt er solche Sprüche zu hören. Kommentare über seine Sportart gehören für ihn fast schon zum Alltag. Trotzdem lässt er sich nicht beirren.

Im Gegenteil: In seinem Verein beobachtet er einen Zuwachs von Jungen. Immer mehr trauen sich. Immer mehr probieren es aus. Vielleicht sind genau solche Entwicklungen, die zeigen, dass stereotypische Denkmuster langsam bröckeln.

Unser Tipp also: Schaut auch mal bei den sogenannten „Nischensportarten“ genauer hin. Vielleicht entdeckt ihr mehr, als ihr erwartet.

Unantastbar: Warum am Fußball kein Weg vorbeiführen wird

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Fußball bleibt die dominierende Sportart in Sachsen-Anhalt, vor allem bei den Männern. Während andere Sportarten, wie Handball und Basketball, an Bedeutung gewinnen, behauptet sich der Fußball schon seit Jahrzehnten als strukturelle und emotionale Konstante. 

Doch Sachsen-Anhalt ist mehr als nur ein Fußball-Bundesland. Sportarten wie Turnen, Leichtathletik, Handball oder Schießen prägen die Vereinslandschaften ebenso stark. Dabei zeigt sich allerdings, dass die Vereinswelt noch stark männlich geprägt ist. Frauen organisieren sich häufiger in nicht-vereinsgebundene Sportformen. Die mediale Präsenz, historische Vereinsstrukturen und wachsende Netzwerke tragen dazu bei, dass insbesondere der Fußball seine dominierende Stellung behauptet. 

,,Ich denke nicht, dass der Fußball vom Thron gestürzt wird’’, erzählt Thomas Krüger, Sportvorstand vom Landessportbund Sachsen-Anhalt. Denn der Fußball ist niedrigschwellig, überall spielbar und tief in regionale Identitäten verankert. Auf Dorfplätzen und in den Stadien ist der Sport mehr als nur Bewegung – er ist Gemeinschaft, Ritual und Heimat. 

Und doch erzählen die Daten eine zweite Geschichte: gesellschaftliche Vorstellungen von ,,typischen’’ Sportarten wirken weiterhin – aber die Grenzen werden durchlässiger. Mädchen spielen Fußball – Jungen turnen. Handball, Leichtathletik und viele weitere Sportarten verbinden statt zu trennen. Wie sich Sachsen-Anhalt künftig bewegt, hängt nicht von Trends oder Mitgliederzahlen ab, sondern davon, wie offen Sport für Vielfalt bleibt. 

Unsere Gesprächspartner:innen formulieren es so: Probiert aus, worauf ihr Lust habt. Lasst euch nicht sagen, was ,,typisch’’ ist. Go for it. 

Und genau deshalb werden Lena und Fabian auch nächsten Sonntag wieder ihre Sportkleidung tragen und ihre Lieblingssportart ausüben. 

Über die Autorinnen

Nele Wilk (22) studiert seit Oktober 2023 Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Aufgewachsen in Neustrelitz (Mecklenburg-Vorpommern), hat sie ihr Interesse am Journalismus nach Magdeburg geführt. Neben und in dem Studium beschäftigt sie sich intensiv mit politischen und gesellschaftlichen Themen. Ausgleich findet sie in der Musik – auf Konzerten und Festivals – sowie beim Lesen und bei Spaziergängen in der Natur, oft gemeinsam mit ihrem Hund. Außerdem ist sie sportbegeistert und gerne im Stadion oder vor dem Bildschirm zu finden – immer dort, wo die Stimmung tobt.

Hanna Köppen (22) studiert ebenfalls seit Oktober 2023 Journalismus in Magdeburg. Ihre Begeisterung für den Fußball wurde früh durch ihren Vater und ihren Bruder geweckt – inzwischen spielt sie seit 15 Jahren aktiv im Verein. Das große Interesse am Sport war auch ausschlaggebend für ihre Entscheidung, Journalismus zu studieren. Für Magdeburg entschied sie sich zudem wegen der Nähe zu ihrer Heimat. Sport bestimmt ihren Alltag: Ob selbst auf dem Platz oder als Zuschauerin – ihr Leben dreht sich nahezu vollständig um den Sport.


Unsere Quellen

Interviews:

Thomas Krüger, Vorstand Landessportbund Sachsen-Anhalt als Experte, Interview geführt am 15.12.2025

Fabi, Lena, Yves als Erfahrungsberichte, geführt in der Zeit vom 3.-5.12.2025

Internetquellen:

DOSB Bestandserhebungen 2023 und 2024, https://cdn.dosb.de/user_upload/www.dosb.de/uber_uns/Bestandserhebung/Bestandserhebung_2023.pdf

https://cdn.dosb.de/user_upload/www.dosb.de/uber_uns/Bestandserhebung/DOSB-Bestandserhebung_2024.pdf

LSB-SA: https://www.lsb-sachsen-anhalt.de/fileadmin/user_upload/Inhalte/Service_Dateien/LSB-Statistik/2023_Finanzen_LSB-Statistik.pdf

Womens Health, https://www.womenshealth.de/fitness/sport-trends/5-wichtige-unterschiede-zwischen-maenner-und-frauenfussball/

Anna Crumbach (IAT) in Zusammenarbeit mit den Partnern im Bundesland und dem DOSB, https://sport-iat.de/factsheets/detail/fs-sachsen-anhalt

MDR: MDR, „Stimmst? Jungen gehen zum Fußball, Mädchen zum Turnen“
(Internetquelle ist nicht mehr vorhanden, bei uns Mitte Januar war sie noch da.)

Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse (AWA), https://www.ifd-allensbach.de/fileadmin/AWA/AWA_Praesentationen/2024/AWA2024_Sommer_Mehr_als_nur_Fussball.pdf

RTL Data „Sport ist King“, https://www.screenforce.de/sites/default/files/media_pool/praesentation_pdf/5251-adalliance_sport_ist_king_2022-07-29f_O.pdfl

Deutscher Behindertensportverband, https://www.dbs-npc.de/sport-im-lebenslauf.html

Sportentwicklungsbericht für Deutschland 2020-22, https://cdn.dosb.de/alter_Datenbestand/Bilder_Wurzelverzeichnis/SEB20_Laenderbericht_Sachsen-Anhalt.pdf

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