Alkoholkonsum in Sachsen-Anhalt

Der schmale Grad zwischen Gewohnheit und Gefahr

Autorinnen: Emely Sander & Jolina Reschke

Der schmale Grad zwischen Gewohnheit und Gefahr

Quelle: pixabay/DuyNod

Wie es beginnt…

Petra F. ist 62 Jahre alt, hat zwei Kinder, drei Enkelkinder und arbeitet als Krankenschwester in der Akutpsychiatrie des Uniklinikums in Magdeburg. Dort hat sie viel mit Suchtkranken zu tun. Sie geht viel auf Reisen und hat zwei Katzen daheim. 2020 dann der Schicksalsschlag: Ihr Ehemann verstarb plötzlich nach zwei Monaten schwerer Krankheit. Petra versuchte mit dem Verlust zurecht zu kommen und musste sogar umziehen. Während ihrer Trauerbewältigung lernte Petra F. einen neuen Partner kennen. Die wenig später folgende Trennung konnte sie nur schwer verkraften. Schon in der Vergangenheit hat das Leben Petras Durchhaltevermögen auf die Probe gestellt. Die Anliegen der PatientInnen in der Klinik, zwei Jobs, die sie arbeitet, um in den Urlaub fahren zu können. Dann der Tod ihres Ehemannes und die Trennung des Partners. Um zu entspannen griff sie abends zum Sekt. Eine Art Ritual, wie Petra es beschreibt.

Am Abend nach der Arbeit setzte sie sich auf die Couch. Aber ganz gemütlich mit Kerzen und einem Glas Sekt zum Entspannen. Dabei blieb es nicht. Irgendwann musste die Flasche leer werden und dann blieb es auch nicht bei einer Flasche. Petra selbst sagt: ,,Ich war eine Abendtrinkerin. Ich habe nie auf Arbeit getrunken und bin dort auch nicht auffällig geworden. Wenn ich Nachtdienst hatte, habe ich zum Beispiel nichts getrunken. Das ging ja nicht.“

Deutscher Konsum im Überblick

Im Jahr 2023 lag der Pro-Kopf-Verbrauch bei 115,3 Liter.

Laut dem Alkoholatlas 2022 liegt das Durchschnittsalter des Erstkonsums in Deutschland bei 15,1 Jahren. So hat auch Petra F. mit circa 15 Jahren das erste Mal Alkohol auf ihrer Jugendweihe konsumiert.

Wie kommt es dazu? – Ein Suchtberatungszentrum klärt auf…

Wir werfen einen professionellen Blick auf Petras Geschichte und den eben genannten Daten. Und fragen uns: Wie verfällt man dem Alkohol und wie beginnt es (im Jugendalter)?

Dafür fragen wir beim Suchtberatungszentrum I „DROBS“ in Cracau, Magdeburg an. Einmal kurz zur Einordnung und Vorstellung dessen: „Die DROBS ist seit 1992 in der Stadt Magdeburg als anerkannte Suchtberatungsstelle etabliert. Im Jahr 2002 wurde in der DROBS die Fachstelle für Suchtprävention installiert“ (https://www.drobs-magdeburg.de/die-drobs-magdeburg/). Die Leiterin Evelin Nitsch-Boek arbeitet dort bereits seit 15 Jahren. Die Einrichtung betreut jährlich etwa 500-600 Klienten und unterstützt sie dabei, ihre Konsumgewohnheiten zu reflektieren. Dabei gehen die BeraterInnen individuell auf die Lebenssituation der Klienten ein und begleiten Suchtbetroffene auf dem Weg zur Entgiftung und Therapie. Pro KlientIn liegen die Beratungseinheiten im Durchschnitt bei vier Gesprächen.

Hinweis: Alle folgenden Aussagen bis zum Abschnitt „Kehrtwende“ basieren auf dem Interview mit Evelin Nitsch-Boek. Starke direkte Zitate werden trotz dessen noch einmal hervorgehoben.

Anfangen kann der Konsum von Alkohol langsam. Viele beginnen damit kontrolliert zu trinken und setzen sich Regeln wie „nur abends“ oder „nur am Wochenende“. So ähnlich wie es bei Petra auch war, wird das Trinken dann aber zur Gewohnheit oder zu einem „Ritual“. Eine Abhängigkeit entwickelt sich schleichend, meist auch über viele Jahre hinweg. „Im Durchschnitt kommen Menschen nach zehn bis fünfzehn Jahren exzessiven Konsums in die Beratung“, so Evelin Nitsch-Boek. Betroffene verlieren mit der Zeit die Kontrolle über ihren Konsum. So wird aus: „Ich wollte nur drei Bier trinken“ mehr und mehr. Als zentrale Ursache zählt vor allem die Kompensation negativer Gefühle. Das können Stress, Überforderung, Scham, Einsamkeit, Minderwertigkeitsgefühle oder auch Schicksalsschläge, wie der Tod von Petras Ehemann, sein. Alkohol dient dabei als sogenannter „Seelentröster“ oder Mittel, um die eigenen Gefühle nicht spüren zu müssen. Aber nicht nur das – Sogar die biochemischen Abläufe in unserem Körper verstärken das Bedürfnis Alkohol zu trinken. Alkohol sorgt für Glücksgefühle und schüttet Dopamin- und Serotonin-Enzyme aus. Das Gehirn registriert diese positiven Gefühle, fühlt sich belohnt und „lernt“ diesen Weg häufiger gehen zu wollen. Ein etwas seltener Grund in die Abhängigkeit zu geraten, ist das Partytrinken und die Gewöhnung. Wichtig dabei zu erwähnen: Nicht jeder exzessive Konsum bedeutet gleich Abhängigkeit. Entscheidend dabei ist der wiederholte Kontrollverlust trotz guter Vorsätze. „Man versucht lange, den Konsum zu kontrollieren, Regeln aufzustellen – und merkt erst spät, dass das nicht mehr gelingt“ (E. Nitsch-Boek).

Frühe Prägung in jungen Jahren…

Das Zellgift bzw. auch die Droge Alkohol ist trotz der vielen negativen Effekte in unserer Gesellschaft normalisiert. Wer sehr jung anfängt mit dem Alkoholkonsum riskiert auch höher in die Abhängigkeit zu geraten. In Deutschland ist es ab dem 14. Lebensjahr schon erlaubt Alkohol zu trinken, so fern es von einer erwachsenen Person begleitet wird. Ab 16 Jahren ist der Erwerb von Bier, Wein und Sekt erlaubt und mit 18 Jahren gibt es keine Einschränkungen mehr. Junge Teenager erleben ihren ersten Alkoholrausch meistens frühzeitig durch Partys oder auch Feierlichkeiten wie die Konfirmation oder Jugendweihe. Alkohol zu trinken wird häufig auch als etwas „Cooles“ dargestellt. Viele haben es wahrscheinlich auch schon einmal erlebt: Man lehnt ab etwas Alkoholisches trinken zu wollen und wird schief von der Seite angeguckt, gefragt was los ist oder noch schlimmeren Fragen ausgesetzt, bspw. „Bist du schwanger?“. Auf jeden Fall fühlt man sich dabei aufgefordert, sich erklären zu müssen. Dabei sollte es doch respektiert werden, wenn Personen ihren Körper nicht mit Zellgift schädigen wollen oder? Stattdessen wird Alkohol durch die Normalisierung verharmlost, auch bei ernstzunehmenden Konsumfällen. Die Prägung kommt sehr häufig durch das eigene Umfeld. Viel eher wird auch in der Familie gescherzt beim ersten Rausch: „Jetzt bist du ein richtiger Mann/eine Erwachsene“. Weitere Situationen wie das Trinken in der Sportkultur, im Freundeskreis (Vorglühen, Leistungs- oder Coolness-Erwartungen) oder insbesondere das Wirkungstrinken, um negative Gefühle zu unterdrücken, können den Konsummenge erhöhen. Alkohol wird früh genutzt, um Stress, Mobbing, Körperunsicherheiten oder auch emotionale Vernachlässigung zu regulieren. Je früher der Alkohol zur Gefühlsregulation genutzt wird, desto höher liegt das Suchtrisiko. Wichtig dabei zu erwähnen: Nicht alle Jugendlichen sind sofort Alkoholabhängig nach einem „Absturz“. Viele konsumieren lediglich missbräuchlich (sprich: über ihre Grenzen hinaus). Das Suchtberatungszentrum DROBS I bietet gezielt auch Suchtpräventionsveranstaltungen an Schulen an und möchte helfen, die Kurve zu kriegen, bevor es kippt.

Ist Alkohol eine „männliche“ Droge?

Diese Frage beantwortet die Leiterin Nitsch-Boek aus subjektiver Sicht mit „Nein“. Heutzutage ist es keine klar männliche Droge mehr. Früher wurde der Alkoholkonsum bei Frauen tabuisiert. Dahingehend gab es einen gesellschaftlichen Wandel. Evelin Nitsch-Boek beobachtet verstärkt die Annäherung der Konsummuster von Frauen und Männern. Mittlerweile ist Alkoholkonsum kein Geschlechterthema mehr. Ganz im Gegenteil: Trinkende Frauen werden gesellschaftlich eher akzeptiert. Idee: Laut Quelle mehr Männer als Frauen alkoholabhängig? Auch in der Suchtberatung gibt es klare Unterschiede zu erkennen. So berichtet Evelin Nitsch-Boek, dass ihre KlientInnen (biologisch) ¾ Männer und nur ¼ Frauen sind. Mögliche Gründe könnten dafür sein, dass Frauen ihre (Alkohol)probleme länger verstecken und seltener oder später in Beratung gehen.

Biologisch gibt es Unterschiede aufzuweisen. Frauen haben einen anderen Fett- und Wasseranteil als Männer, vertragen Alkohol meist schlechter und werden schneller betrunken. Die Abhängigkeit hängt allerdings nicht vom Geschlecht ab, sondern von der Konsummenge und -häufigkeit.

Die Kehrtwende

Da Petra F. durch ihre Arbeit viel mit Suchtkranken zu tun hat, ist ihr ihr Trinkverhalten suspekt geworden. Immer öfter kam es auch zu Unfällen, bei denen sie sich verletzte. Das eine Mal wurde sie nach einer goldenen Hochzeit mit dreifachem Beinbruch in die Notaufnahme geliefert. Sie sollte operiert werden, konnte aber nicht, da sie 2,2 Promille im Blut hatte. ,,Ich war aber noch voll ansprechbar. Da ich in dem Bereich arbeite und ich solche Leute kenne, würde ich sagen: die Leute sind den Alkohol gewöhnt. Jemand anders liegt mit 2,2 Promille flach. Der hat dann eine Alkoholvergiftung“, reflektiert Petra. Zu den Unfällen kamen auch Konzentrationsschwierigkeiten. Von einem Tag auf den anderen hat Petra entschieden: So kann es nicht weitergehen.

Petras Weg der Therapie

Anfang 2024 wandte sich Petra an die Suchtberatung an ihrem Arbeitsplatz. Von dort wurde sie zum Suchtberatungszentrum in der Thiemstraße in Magdeburg geschickt. Die wiederum schickten Petra im Mai 2024 direkt zur Entgiftung nach Bernburg für 14 Tage. ,,Hier in Magdeburg wollte ich das nicht machen.“, berichtet Petra. Der Scham war groß, PatientInnen von der Arbeit dort zu treffen.

Nach der Entgiftung in Bernburg ging es für Petra direkt in Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen und Suchtmedizin ,,Alte Ölmühle“ in Magdeburg. ,,Ich hatte das Glück, dass ich nahtlos an dem Tag, als ich in Bernburg entlassen wurde, mit dem Taxi in die Alte Ölmühle reisen konnte.“, erzählt Petra. ,,Wenn ich noch vier Wochen Wartezeit gehabt hätte, da wage ich nicht drüber nachzudenken, was dann passiert wäre.“, so Petra weiter.

In der Alten Ölmühle war sie von Mitte Mai 2024 bis Anfang Oktober 2024. Die Anfangszeit in der Fachklinik war von viel Scham begleitet. Um sich von den anderen abzuheben, habe sie „Kreuzfahrt gespielt“, so Petra. Sie reiste mit drei Koffern an und habe sich auch drei mal am Tag umgezogen. Sie war in aller Munde. Aber Petra hat es in der Alten Ölmühle gefallen.

Aber gleichzeitig war Petra wütend, dass ihr das Leben schon wieder eine neue Hürde gibt, die sie überwinden muss. Und auch da begleitete sie die Trauer um ihren verstorbenen Mann. Außerdem hatte sie Schwierigkeiten mit den Regeln in der Klinik zurecht zu kommen. Petra berichtet: ,,Ich hatte ständig Ärger, weil ich wieder irgendwas gemacht habe, was den Regeln nicht entsprach. Nach drei Wochen habe ich mir dann gesagt: wenn du die Zeit hier überleben willst, dann musst du dich fügen. Hätte mir einer gesagt, dass ich meinen Aufenthalt nach vier Wochen verlängere, hätte ich das nie geglaubt.“

Und sie hat durchgehalten. Trotzdem gab es immer mal wieder Momente in denen Petra aufgeben wollte: ,,Am liebsten hätte ich alles hingeschmissen und wäre abgehauen. Aber ich bin nicht so ein Mensch, der das Handtuch wirft. Ich habe mir die Suppe eingebrockt und die fresse ich auch aus.“

Reaktionen der Familie und Freunde

Petras engste Familie hat positiv auf ihre Therapie reagiert. Auch an Petras Arbeitsplatz gab es positive Resonanz, obwohl sie anfangs Bedenken hatte. ,,Ich wollte es erst nicht erzählen. Dann habe ich mir gesagt: wenn die Kollegen im Dienstplan sehen, dass ich drei Monate krank bin, was soll ich denen schon erzählen? Und vielleicht trifft mich jemand. Magdeburg ist ein Dorf. Also habe ich mein Alkoholproblem öffentlich gemacht und gesagt, dass ich in eine Klinik gehe.“, erzählt Petra. Sie hat sich besonders um ihre Katzen Gisi (abgeleitet von Gisela) und Pippa gesorgt. Glücklicherweise konnte ein Nachbar die Fürsorge übernehmen.

Der Ausweg

Sachsen-Anhalt im Fokus

Über die Autorinnen

Jolina Reschke (21) studiert Journalismus in Magdeburg, und ist ne super coole Socke!

Emely Sander (22) studiert ebenfalls Journalismus in Magdeburg, kommt aber ursprünglich aus der Nähe von Hannover. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich gerne mit Bastelprojekten, Kalligraphie und Tanzen.

Fragen zu dem Projekt? Schreibt gerne eine Mail an: jolina.reschke@stud.h2.de oder emely.sander@stud.h2.de