Alkoholkonsum in Sachsen-Anhalt

Der schmale Grad zwischen Gewohnheit und Gefahr

Achtung: Diese Data Story behandelt das Thema Alkoholsucht. Die Inhalte können belastend sein. Bei Betroffenheit oder Fragen wenden Sie sich bitte an professionelle Hilfe. Hilfsangebote sind ganz am Ende der Website verlinkt.

Autorinnen: Emely Sander & Jolina Reschke

Der schmale Grad zwischen Gewohnheit und Gefahr

Quelle: pixabay/DuyNod

Wie es beginnt…

Petra F. ist 62 Jahre alt, hat zwei Kinder, drei Enkelkinder und arbeitet als Krankenschwester in Sachsen-Anhalt in einer Akutpsychiatrie. Dort hat sie viel mit Suchtkranken zu tun. Sie geht viel auf Reisen und hat zwei Katzen daheim. 2020 dann der Schicksalsschlag: Ihr langjähriger Lebenspartner verstarb plötzlich nach zwei Monaten schwerer Krankheit. Petra versuchte mit dem Verlust zurecht zu kommen und musste sogar umziehen. Während ihrer Trauerbewältigung lernte Petra F. einen neuen Partner kennen. Die wenig später folgende Trennung konnte sie nur schwer verkraften. Schon in der Vergangenheit hat das Leben Petras Durchhaltevermögen auf die Probe gestellt. Die Anliegen der PatientInnen in der Klinik, zwei Jobs, die sie arbeitet, um in den Urlaub fahren zu können. Dann der Tod ihres Lebensgefährten und die Trennung des Partners. Um zu entspannen griff sie abends zum Sekt. Eine Art Ritual, wie Petra es beschreibt.

Am Abend nach der Arbeit setzte sie sich auf die Couch. Aber ganz gemütlich mit Kerzen und einem Glas Sekt zum Entspannen. Dabei blieb es nicht. Irgendwann musste die Flasche leer werden und dann blieb es auch nicht bei einer Flasche. Petra selbst sagt: ,,Ich war eine Abendtrinkerin. Ich habe nie auf Arbeit getrunken und bin dort auch nicht auffällig geworden. Wenn ich Nachtdienst hatte, habe ich zum Beispiel nichts getrunken. Das ging ja nicht.“

Deutscher Konsum im Überblick

Die Zahlen der Grafik weisen eine deutliche Rückläufigkeit des Konsums auf. Top-1-Getränk der Deutschen ist das Bier. Im Jahr 2023 lag der Pro-Kopf-Verbrauch an Alkohol bei 115,3 Liter.

Laut dem Alkoholatlas 2022 liegt das Durchschnittsalter des Erstkonsums in Deutschland bei 15,1 Jahren. So hat auch Petra F. mit circa 15 Jahren das erste Mal Alkohol auf ihrer Jugendweihe konsumiert.

Insgesamt hatten im Jahr 2024 in Deutschland 3,9 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren eine alkoholbezogene Störung (Alkoholmissbrauch: 1,7 Millionen, Alkoholabhängigkeit: 2,2 Millionen).

Die 30-Tage-Prävalenz der 18-59 Jährigen ist über 21 Jahre gesunken. Männer trinken vor allem Bier und Frauen überwiegend Wein und Sekt. Auch der Bierkonsum ist bei den Männern in den letzten 20 Jahren zurück gegangen. Der plötzliche Abstieg von Jahr 2003 zu 2006 könnte sich durch die in 2004 erhobene Alkopopsteuer erklären. Diese wurde zusätzlich auf die Alkoholsteuer erlegt, um Jugendliche vor dem Alkoholkonsum zu schützen und den Zugang zu Alkohol zu erschweren.

Alkopops sind trinkfertige alkoholische Mischgetränke. Dazu zählen zum Beispiel trinkfertige, in Flaschen abgefüllte Cocktails oder andere Mischgetränke.

Wie kommt es dazu?

Wir werfen einen professionellen Blick auf Petras Geschichte und die oben genannten Daten. Und fragen uns: Wie verfällt man dem Alkohol und wie beginnt es (im Jugendalter)?

Dafür fragen wir beim Suchtberatungszentrum I „DROBS“ in Cracau, Magdeburg an. Einmal kurz zur Einordnung und Vorstellung dessen: „Die DROBS ist seit 1992 in der Stadt Magdeburg als anerkannte Suchtberatungsstelle etabliert. Im Jahr 2002 wurde in der DROBS die Fachstelle für Suchtprävention installiert“. Die Leiterin Evelin Nitsch-Boek arbeitet dort bereits seit 15 Jahren. Die Einrichtung betreut jährlich etwa 500-600 KlientInnen und unterstützt sie dabei, ihre Konsumgewohnheiten zu reflektieren. Dabei gehen die BeraterInnen individuell auf die Lebenssituation der KlientInnen ein und begleiten Suchtbetroffene auf dem Weg zur Entgiftung und Therapie. Pro KlientIn liegen die Beratungseinheiten im Durchschnitt bei vier Gesprächen. Wie hoch die Dunkelziffer bei dieser Suchtproblematik ist, lässt sich nur schwer einschätzen.

Hinweis: Alle folgenden Aussagen bis zum Abschnitt „Kehrtwende“ basieren auf dem Interview mit Evelin Nitsch-Boek. Starke direkte Zitate werden trotz dessen noch einmal hervorgehoben.

Der Konsum von Alkohol kann langsam beginnen. Viele starten damit, kontrolliert zu trinken, und setzen sich Regeln wie „nur abends“ oder „nur am Wochenende“. So ähnlich wie bei Petra wird das Trinken dann jedoch zur Gewohnheit oder zu einem „Ritual“. Eine Abhängigkeit entwickelt sich schleichend, meist über viele Jahre hinweg. Betroffene verlieren mit der Zeit die Kontrolle über ihren Konsum.

Als zentrale Ursache zählt vor allem die Kompensation negativer Gefühle. Dazu gehören Stress, Überforderung, Scham, Einsamkeit, Minderwertigkeitsgefühle oder auch Schicksalsschläge, wie der Tod von Petras Lebensgefährten. Alkohol dient dabei als sogenannter „Seelentröster“ oder Mittel, um die eigenen Gefühle nicht spüren zu müssen. Doch nicht nur das: Auch die biochemischen Abläufe in unserem Körper verstärken das Bedürfnis Alkohol zu trinken. Alkohol sorgt für Glücksgefühle und regt die Ausschüttung von Dopamin und Serotonin aus. Das Gehirn registriert diese positiven Gefühle, fühlt sich belohnt und „lernt“ diesen Weg künftig häufiger gehen zu wollen.

Seltener führt reines Partytrinken oder eine zunehmende Gewöhnung allein in die Abhängigkeit. Wichtig zu betonen ist: Nicht jeder exzessive Konsum bedeutet automatisch Abhängigkeit. Entscheidend ist der wiederholte Kontrollverlust trotz guter Vorsätze. „Man versucht lange, den Konsum zu kontrollieren, Regeln aufzustellen – und merkt erst spät, dass das nicht mehr gelingt“ (E. Nitsch-Boek).

Frühe Prägung in jungen Jahren

Das Zellgift bzw. die Droge Alkohol ist trotz der vielen negativen Effekte in unserer Gesellschaft normalisiert. Wer sehr jung anfängt mit dem Alkoholkonsum, riskiert eher, in die Abhängigkeit zu geraten. In Deutschland ist es ab dem 14. Lebensjahr erlaubt, Alkohol zu trinken, sofern dies von einer erwachsenen Person begleitet wird. Ab 16 Jahren ist der Erwerb von Bier, Wein und Sekt erlaubt und mit 18 Jahren gibt es keine Einschränkungen mehr. Junge Teenager erleben ihren ersten Alkoholrausch häufig frühzeitig bei Partys oder Feierlichkeiten wie Konfirmation oder Jugendweihe. Alkohol zu trinken wird dabei oft als etwas „Cooles“ dargestellt.

Viele haben es wahrscheinlich schon einmal erlebt: Man lehnt ein alkoholisches Getränk ab und wird schief angeschaut, gefragt was los sei oder sogar mit unangemessenen Kommentaren konfrontiert. Alkohol wird durch die Normalisierung verharmlost, selbst in Fällen ernstzunehmenden Konsums. Die Prägung erfolgt sehr häufig durch das eigene Umfeld. Schon in der Familie wird oft beim ersten Rausch gescherzt.

Evelin Nitsch-Boek zitiert aus ihrer beruflichen Erfahrung den Satz: „Mein Vater hat gelacht und gesagt: Jetzt bist du ein richtiger Mann.“ Weitere Situationen wie das Trinken in der Sportkultur und im Freundeskreis (Vorglühen, Leistungs- oder Coolness-Erwartungen) können die Konsummenge erhöhen.

Insbesondere das Wirkungstrinken wird früh genutzt, um Stress, Mobbing, Körperunsicherheiten oder emotionale Vernachlässigung zu regulieren. Je früher der Alkohol zur Gefühlsregulation eingesetzt wird, desto höher liegt das Risiko für eine spätere Sucht. Wichtig dabei zu erwähnen: Nicht alle Jugendlichen werden sofort alkoholabhängig nach einem „Absturz“. Viele konsumieren lediglich missbräuchlich, also über ihre Grenzen hinaus.

Ist Alkohol eine „männliche“ Droge?

Die Leiterin Nitsch-Boek beantwortet die Frage aus subjektiver Sicht mit den Worten: „Früher galt Alkohol als männliche Droge – das verändert sich gerade deutlich.“ Während Alkohol früher vor allem bei Frauen tabuisiert war, zeigt sich heute ein deutlicher gesellschaftlicher Wandel: Alkoholkonsum wird nicht mehr ausschließlich mit Männern in Verbindung gebracht. Evelin Nitsch-Boek beobachtet zunehmend die Annäherung der Konsummuster von Frauen und Männern.

Mittlerweile ist Alkoholkonsum kein reines Geschlechterthema mehr. Ganz im Gegenteil: Trinkende Frauen werden gesellschaftlich eher akzeptiert. Laut dem Barmer Institut sind trotzdem deutlich mehr Männer als Frauen alkoholabhängig. Auf etwa 2,5 Männer kommt 1 Frau mit Alkoholabhängigkeit in Deutschland (Barmer-Analyse). Auch in der Suchtberatung ist dies zu erkennen. So berichtet Evelin Nitsch-Boek, dass ihre KlientInnen etwa ¾ Männer und nur ¼ Frauen sind. Mögliche Gründe könnten sein, dass Frauen ihre Alkoholprobleme länger verbergen und seltener oder später professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Biologisch gibt es ebenfalls Unterschiede. Frauen haben einen anderen Fett- und Wasseranteil im Körper, vertragen Alkohol meist schlechter und werden schneller betrunken. Eine Abhängigkeit hängt allerdings nicht vom Geschlecht ab, sondern von der Konsummenge und -häufigkeit.

Die Kehrtwende

Da Petra F. durch ihre Arbeit viel mit Suchtkranken zu tun hat, ist ihr ihr Trinkverhalten suspekt geworden. Immer öfter kam es auch zu Unfällen, bei denen sie sich verletzte. Das eine Mal wurde sie nach einer goldenen Hochzeit mit dreifachem Beinbruch in die Notaufnahme geliefert. Sie sollte operiert werden, konnte aber nicht, da sie 2,2 Promille im Blut hatte. ,,Ich war aber noch voll ansprechbar. Da ich in dem Bereich arbeite und ich solche Leute kenne, würde ich sagen: die Leute sind den Alkohol gewöhnt. Jemand anders liegt mit 2,2 Promille flach. Der hat dann eine Alkoholvergiftung“, reflektiert Petra. Zu den Unfällen kamen auch Konzentrationsschwierigkeiten. Von einem Tag auf den anderen hat Petra entschieden: So kann es nicht weitergehen.

Petras Weg der Therapie

Anfang 2024 wandte sich Petra an die Suchtberatung an ihrem Arbeitsplatz. Von dort wurde sie zum Suchtberatungszentrum in der Thiemstraße in Magdeburg geschickt. Die wiederum schickten Petra im Mai 2024 direkt zur Entgiftung nach Bernburg für 14 Tage. ,,Hier in Magdeburg wollte ich das nicht machen.“, berichtet Petra. Die Scham war groß, PatientInnen von der Arbeit dort zu treffen.

Nach der Entgiftung in Bernburg ging es für Petra direkt in Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen und Suchtmedizin ,,Alte Ölmühle“ in Magdeburg. ,,Ich hatte das Glück, dass ich nahtlos an dem Tag, als ich in Bernburg entlassen wurde, mit dem Taxi in die Alte Ölmühle reisen konnte.“, erzählt Petra. ,,Wenn ich noch vier Wochen Wartezeit gehabt hätte, da wage ich nicht drüber nachzudenken, was dann passiert wäre.“, so Petra weiter.

In der Alten Ölmühle war sie von Mitte Mai 2024 bis Anfang Oktober 2024. Die Anfangszeit in der Fachklinik war von viel Scham begleitet. Um sich von den anderen abzuheben, habe sie „Kreuzfahrt gespielt“, so Petra. Sie reiste mit drei Koffern an und habe sich auch drei mal am Tag umgezogen. Sie war in aller Munde. Aber Petra hat es in der Alten Ölmühle gefallen.

Aber gleichzeitig war Petra wütend, dass ihr das Leben schon wieder eine neue Hürde gab, die sie überwinden musste. Und auch da begleitete sie die Trauer um ihren verstorbenen Lebensgefährten. Außerdem hatte sie Schwierigkeiten mit den Regeln in der Klinik zurecht zu kommen. Petra berichtet: ,,Ich hatte ständig Ärger, weil ich wieder irgendwas gemacht habe, was den Regeln nicht entsprach. Nach drei Wochen habe ich mir dann gesagt: wenn du die Zeit hier überleben willst, dann musst du dich fügen. Hätte mir einer gesagt, dass ich meinen Aufenthalt nach vier Wochen verlängere, hätte ich das nie geglaubt.“

Und sie hat durchgehalten. Trotzdem gab es immer mal wieder Momente in denen Petra aufgeben wollte: ,,Am liebsten hätte ich alles hingeschmissen und wäre abgehauen. Aber ich bin nicht so ein Mensch, der das Handtuch wirft. Ich habe mir die Suppe eingebrockt und die fresse ich auch aus.“

Reaktionen der Familie und Freunde

Petras engste Familie hat positiv auf ihre Therapie reagiert. Auch an Petras Arbeitsplatz gab es positive Resonanz, obwohl sie anfangs Bedenken hatte. ,,Ich wollte es erst nicht erzählen. Dann habe ich mir gesagt: wenn die Kollegen im Dienstplan sehen, dass ich drei Monate krank bin, was soll ich denen schon erzählen? Und vielleicht trifft mich jemand. Magdeburg ist ein Dorf. Also habe ich mein Alkoholproblem öffentlich gemacht und gesagt, dass ich in eine Klinik gehe.“, erzählt Petra. Sie hat sich besonders um ihre Katzen Gisi (abgeleitet von Gisela) und Pippa gesorgt. Glücklicherweise konnte ein Nachbar die Fürsorge übernehmen. Aufgeben war nun keine Option mehr. Petra erzählt: ,,Im Betrieb sagen zu müssen: Ich hab’s nicht geschafft. Ich habe die Therapie abgebrochen. Auf keinen Fall.“

Der Ausweg

Erneuter Hinweis: Alle folgenden Aussagen bis zum Abschnitt „Sachsen-Anhalt im Fokus“ basieren auf dem Interview mit Evelin Nitsch-Boek. Starke direkte Zitate werden trotz dessen noch einmal hervorgehoben.

Der Zeitpunkt an denen alkoholsüchtige Menschen sich Hilfe suchen und zur Beratung gehen, kommt meist sehr spät. „Im Durchschnitt kommen Menschen nach zehn bis fünfzehn Jahren exzessiven Alkoholkonsums zu uns“, so Evelin Nitsch-Boek. Bei sozialisolierten Menschen, die keine engeren Freunde oder Familie zur Unterstützung mehr haben, kann es sogar 20 bis 30 Jahre dauern, weil niemand eingreift. Typische Auslöser für eine Veränderung können gesundheitliche Einschränkungen, psychische Belastungen oder soziale Konsequenzen sein (z.B. Trennungen, Arbeitsplatzverlust, Abmahnungen, Führerscheinentzug oder ein drohender Verlust des Sorgerechts).

Dabei spielt insbesondere das Umfeld der Alkoholkranken eine große Rolle. Häufig kommt der Impuls zur Veränderung nämlich nicht von den Betroffenen selbst, sondern von PartnerInnen, Familie, Arbeitgebern, Freunden oder dem Jobcenter. Evelin Nitsch-Boek bezeichnet das als extrinsische Motivation (von außen kommend): „Viele sagen: Ich mache das für jemanden, weil die hat gesagt, ich soll das machen.“ Diese extrinsische Motivation wird dann genutzt, um diese in der Beratung in eine intrinsische Motivation (von innen kommend/ eigene) umzuwandeln.

Nach der ersten Kontaktaufnahme mit der Beratungsstelle folgt im zweiten Schritt ein Erstgespräch in der Suchtberatung. In diesem Gespräch werden unter anderem folgende Punkte geklärt: Was wird konsumiert, wie viel und auf welche Weise? Besteht ein Kontrollverlust? Und welche Probleme sind dadurch bereits entstanden? Nachdem die extrinsische Motivation durch gezielte Gesprächsführung in eine intrinsische Motivation umgewandelt wurde, begleitet die Beratung alkoholsüchtige Menschen weiter. Dies geschieht meist in mehreren Anläufen, da eine Veränderung ein längerer Prozess ist.

Während dieser Zeit kommt es häufig zu Konsumpausen, aber auch zu Rückfällen und erneuten Gesprächen. Dafür ist viel Geduld nötig. Trotzdem sollte bei Rückfällen nicht weggesehen oder Folgen einfach toleriert werden. Wenn einer alkoholsüchtigen Person klar wird: „Ich verliere die Kontrolle“, dann sollte im nächsten Schritt eine Entgiftung (ca. 3 Wochen stationär) stattfinden. Danach wird entschieden, ob es weiter mit einer psychotherapeutischen Behandlung geht oder der Versuch ohne Therapie ausreicht. Letzteres ist jedoch selten erfolgreich. Im letzten Schritt soll das abstinente Leben gelernt werden. Ziel ist es, mit dem Suchtdruck umgehen zu können, negative Gefühle auszuhalten und neue Bewältigungsstrategien wie Sport, Gespräche oder Hobbys zu entwickeln. Das Gehirn muss sich neu „verschalten“ und „umprogrammiert“ werden.

Konkrete Zahlen zur Rückfallquote sind schwer zu benennen. Viele Menschen bleiben in der Beratung ambivalent und kämpfen immer wieder mit eigenen inneren Konflikten. Eine zentrale Aussage von Evelin Nitsch-Boek lautet: „Mittlerweile sind es um die fünfzig Prozent, die es ohne Rückfall schaffen, abstinent zu leben.“ Ebenso hat sich Petra F. durchgekämpft. Wichtig war Evelin Nitsch-Boek dabei zu unterstreichen: „Ein Rückfall ist kein Scheitern, sondern ein Vorfall, aus dem gelernt werden kann.“ Diese helfen Betroffenen zu erkennen: „Ich bin abhängig, ich kann nicht kontrolliert trinken.“ Für eine erfolgreiche Therapie oder Behandlung sind neben der Hauptvoraussetzung – der extrinsischen bzw. intrinsischen Motivation – noch weitere Bedingungen erforderlich. Die Bereitschaft zur Selbstkritik, zu wiederholten Anläufen und zur Geduld mit sich selbst, sind dafür essenziell.

Tipps an Betroffene und Angehörige

Evelin Nitsch-Boek hat uns zuletzt einige Tipps genannt, die Betroffene und Angehörige umsetzen können. Betroffene sollten eine Beratung frühzeitig nutzen. Zudem sollten sie ihre Suchtprobleme nicht verharmlosen und sich selbst ehrlich fragen: „Kann ich mich wirklich noch kontrollieren?“. Bei Angehörigen und dem Umfeld ist es wichtig, nicht wegzuschauen, erkennbare Veränderungen klar benennen und transparent machen, was beobachtet wurde und welche Konsequenzen folgen. Das bedeutet nicht, lieblos zu handeln, sondern dem Betroffenen Unterstützung anzubieten, ohne ihm dabei die Verantwortung abzunehmen.

Sachsen-Anhalt im Fokus

Diese Karte zeigt den Anteil von Menschen mit diagnostizierter Alkoholerkrankung (auch Alkoholabhängigkeit) je Bundesland in Deutschland. Die Werte basieren auf einer Auswertung von Daten der Krankenkasse Barmer (Institut für Gesundheitssystemforschung) für das Jahr 2023/2024. Dabei markieren die dunkleren Farben einen höheren Anteil Betroffener im Verhältnis zur jeweiligen Bevölkerungszahl. Der Bundesdurchschnitt liegt bei ca. 15 Personen je 1000 EinwohnerInnen.

Folgende Rückschlüsse können daraus gezogen werden: Es gibt deutliche regionale Unterschiede
Ein klares Muster zeigt, dass nicht alle Bundesländer gleich stark betroffen sind – einige Regionen haben deutlich höhere Anteile alkoholabhängiger Menschen als andere. Stärker betroffene Bundesländer sind in Ost- und Norddeutschland zu erkennen. Darunter unter den Top 3: Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Im Vergleich haben einige westliche und südliche Bundesländer tendenziell niedrigere Anteile. Die mit den niedrigsten Werten sind Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz.

Mögliche Ursachen der regionalen Unterschiede lassen sich nicht allein medizinisch erklären.
Die Unterschiede entstehen nicht, weil Menschen in bestimmten Bundesländern biologisch kränker oder anfälliger sind. Vielmehr spielen Lebensbedingungen wie soziale, demografische und historisch-kulturelle Faktoren eine wichtige Rolle, etwa Unterschiede im Lebensstil, im sozioökonomischen Status oder im Zugang zu Gesundheits- und Beratungsdiensten.

Diese Grafik zeigt die jährliche Anzahl alkoholbedingter Todesfälle in Sachsen-Anhalt. Dargestellt ist, wie viele Menschen in jedem Jahr an den Folgen von Alkoholkonsum verstorben sind. Dabei wird deutlich, dass die Zahl der Alkoholtoten im Zeitverlauf nicht konstant bleibt, sondern von Jahr zu Jahr schwankt.

In einzelnen Jahren treten höhere, in anderen niedrigere Fallzahlen auf, was auf zeitlich veränderliche Einflussfaktoren hindeuten kann. Aus der Grafik lassen sich jedoch nur Entwicklungen und Schwankungen erkennen; konkrete Ursachen für die Veränderungen können daraus nicht abgeleitet werden. Die durchgehend vorhandenen Todesfälle lassen jedoch ableiten, dass Alkoholmissbrauch in Sachsen-Anhalt über mehrere Jahre hinweg ein relevantes gesundheitliches Problem darstellt.

Die Grafik lässt erkennen, dass vor allem Menschen im mittleren Alter (40-59) in den früheren Jahren betroffen waren. Seit 2016 bis zum heutigen Stand sterben jedoch mehr Menschen im hohen Alter (60+) aufgrund eines Alkoholtodes.

Neben individuellen Gründen und Schicksalsschlägen mag auch die Sozialisation dabei eine Rolle spielen. „Alkohol hatte damals einen anderen Stellenwert, insbesondere in Zeiten des Wirtschaftswunders. Heute stehen in der Gesellschaft die Risiken viel stärker im Vordergrund“, sagt Dr. Ursula Marschall, Leitende Medizinerin bei der Barmer (Barmer Analyse).


Fazit

Petra F. ist nun seit Mai 2024 trocken und hat den Weg aus der Abhängigkeit gefunden. Ihr Ausblick in die Zukunft ist: ,,Ich weiß nicht welche Tiefen das Leben noch für mich bereit hält. Aber ich möchte trocken bleiben. Man selber muss es wollen, sonst wird das nichts.“

Auch das Suchtberatungszentrum stimmt dem zu und hält fest: „Die Entscheidung, ob ich mein Leben ändere, tritt mir niemand ab. Wir können [nur] helfen, einen Spiegel vorzuhalten.“ Auch im Hinblick auf die Daten gibt es positive Entwicklungen zu verzeichnen. Die Anzahl alkoholbedingter Notfallaufnahmen bei Minderjährigen geht in den letzten Jahren zurück. Gleichzeitig steigt der Trend, zu alkoholfreien Getränken zu greifen. Zusammen mit dem Rückgang der Alkoholtoten in Sachsen-Anhalt könnte dies auf einen kleinen gesellschaftlichen Wandel hindeuten. Um dem Alkoholkonsum weiterhin entgegenzuwirken, sollten Prävention und Sensibilisierung für Suchtthemen weiter ausgebaut werden. Darüber hinaus gab es auch schon immer mal wieder Diskussionen über gesellschaftliche Maßnahmen wie Werbeeinschränkungen, höhere Alkoholsteuern oder erschwerten Zugang zu Alkohol für Minderjährige.

Hilfsangebote

Professionelle Suchthilfe

  • Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) beraten zu Alkohol- und Drogenproblemen, vermitteln Selbsthilfegruppen und können auch in Krisensituationen helfen (z. B. bundesweites Sorgentelefon).

Selbsthilfegruppen

  • Unterstützende Gruppen (z. B. Kreuzbund-Selbsthilfe) bieten Austausch und gegenseitige Stärkung auf dem Weg aus der Abhängigkeit.

Online- und digitale Angebote


Beratungsstellen und Suchtberatung in Sachsen-Anhalt

Über die Autorinnen

Jolina Reschke (21) kommt aus der Nähe von Potsdam und ist für ihr Journalismus-Studium nach Magdeburg gezogen. Sie interessiert sich für nahe, emotionale und reale Themen aus dem Leben. Nach ihrem Studium möchte sie sich als Moderatorin im Radio oder Fernsehen verwirklichen.

Emely Sander (22) studiert ebenfalls Journalismus in Magdeburg, kommt aber ursprünglich aus der Nähe von Hannover. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich gerne mit Bastelprojekten, Kalligraphie und Tanzen. In Zukunft möchte sie als Radiomoderatorin Karriere machen.

Fragen zu dem Projekt? Schreibt gerne eine Mail an: jolina.reschke@stud.h2.de oder emely.sander@stud.h2.de

Quellen

Datenquellen:

  • Statistisches Bundesamt Alkohol-Sterbefälle Bundesländer-Vergleich: https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2007/03/alkohol-sterbefaelle-032007.pdf?__blob=publicationFile
  • Jahrbuch Sucht 2025: https://www.dhs.de/fileadmin/user_upload/pdf/Jahrbuch_Sucht/JBSucht2025_komplett_WEB.pdf
  • Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt: Kinder und Jugendliche betroffen vom Alkoholrausch: https://www.dak.de/presse/landesthemen/sachsen-anhalt/kinder-und-jugendgesundheit/sachsen-anhalt-weniger-jugendliche-aufgrund-von-alkoholmissbrauch-im-krankenhaus-_154848
  • Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt: Alkoholtote SA von 1998 bis 2024 https://genesis.sachsen-anhalt.de/genesis//online?operation=table&code=23211-0003&bypass=true&levelindex=1&levelid=1762173392087#abreadcrumb

Interviewquellen:

  • Expertin: Evenlin Nitsch-Boek, Leiterin des Suchtberatungszentrum DROBS, Interview geführt am 21.12.2025
  • Betroffene: Petra F. , Interview geführt am 18.12.2025

Medien- und Textquellen :

  • Mitteldeutsche Zeitung Alkoholismus bei Senioren: https://www.mz.de/mitteldeutschland/sachsen-anhalt/mehr-senioren-in-sachsen-anhalt-sind-alkoholiker-3984459
  • Schaller, K., Kahnert, S., Garcia-Verdugo, R., Treede, I., Graen, L. & Ouédraogo, N. (2022). Alkoholatlas Deutschland 2022.
  • TAZ Alkoholtrend geht zurück: https://taz.de/Alkoholkonsum-in-Deutschland/!6147410/
  • Focus Online Alkoholiker in Bundesländern: https://www.focus.de/gesundheit/news/in-diesen-deutschen-regionen-gibt-es-besonders-viele-alkoholiker_64f70c23-3bbc-409c-bd51-7af93112a4ab.html

Online-Quellen:

  • Barmer-Analyse zur Alkoholsucht: https://www.barmer.de/presse/bundeslaender-aktuell/sachsen-anhalt/archiv-pressemitteilungen/barmer-analyse-zur-alkoholsucht-mehr-als-48-000-menschen-in-sachsen-anhalt-betroffen-1299342
  • Dr. Ursula Marshall: Barmer-Analyse zur Alkoholabhängigkeit: https://www.barmer.de/presse/presseinformationen/pressearchiv/alkoholabhaengigkeit-1059366
  • DAK (Jugendliche Konsum): https://www.dak.de/presse/landesthemen/sachsen-anhalt/kinder-und-jugendgesundheit/sachsen-anhalt-weniger-jugendliche-aufgrund-von-alkoholmissbrauch-im-krankenhaus-_154848
  • Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V.: https://www.dhs.de/suechte/alkohol/zahlen-daten-fakten/
  • Bundesinstitut für Risikobewertung: https://www.bfr.bund.de/lebensmittel-und-futtermittelsicherheit/gesundheitliche-risikobewertung-spezieller-lebensmittelgruppen/ausgewaehlte-lebensmittel/gesundheitliche-bewertung-von-alkohol/