
Der Magdeburg-Magnet: Zwischen Hörsaal-Boom und Abwanderungs-Frust. Foto: nickocruises.
Magdeburg boomt als Campus-Stadt. Über 18.000 junge Menschen füllen die Hörsäle; die Mieten sind günstig; die Forschung ist Weltklasse. Doch mit dem Zeugnis in der Tasche kommt die große Wanderung. Wir haben recherchiert: Ist die Elbestadt nur eine Ausbildungsschmiede für andere Regionen oder ein echter Zukunftsort? Eine Spurensuche zwischen günstigen Mieten und dem Ruf der weiten Welt. Eine Auswertung zeigt zum ersten Mal, dass Magdeburg ein Meister im Ausbilden ist und gleichzeitig ein Verlierer beim Halten.
Magdeburg als Boom-Faktor: Der Magnet-Check
Magdeburg ist zur wissenschaftlichen Herzkammer Sachsen-Anhalts geworden. Während die akademische Landkarte in Sachsen-Anhalt vielerorts schrumpft, wächst der Campus an der Elbe gegen den Trend und entwickelt sich zum Wachstumsmotor der Region. Mit rund 12.800 Studierenden an der OVGU und 5.300 an der Hochschule ist die Stadt das Gravitationszentrum der Region. Während die Uni Halle (MLU) mit einem Minus von 2,6 % kämpft, zieht Magdeburg immer mehr Talente aus über 110 Nationen an. Die Anzahl an Studierenden an der Otto-von-Guericke Universität wächst 2025 um 6,8 % im Vergleich zum Vorjahr.
Über 40 % der OVGU-Studierenden kommen aus dem Ausland – ein Diversitätsfaktor, den man sonst nur aus Metropolen kennt. Damit ist der Erfolg Magdeburgs kein Zufall. Die Landeshauptstadt punktet allerdings nicht nur durch eine extrem hohe Internationalität – auch prestigeträchtige Anker wie die Medizin (über 2.000 Bewerber auf 200 Plätze) sowie innovative neue Studiengänge wie KI oder Nachhaltige Mobilität ziehen Talente aus ganz Deutschland an. Während andere Standorte stagnieren, zieht die Elbestadt junge Menschen an wie nie zuvor.

Vom Hörsaal in die Ferne: Magdeburg bildet aus – der Westen profitiert

Der „Boom-Faktor“ in Magdeburg ist beeindruckend, doch er offenbart ein schmerzhaftes Paradoxon: Die Landeshauptstadt ist ein Magnet für den Studienbeginn, aber oft nur eine Durchgangsstation für den Karrierestart. Während die Hörsäle voll sind, stellt sich nach der Zeugnisübergabe die Ernüchterung ein. Experten sprechen hier vom sogenannten „Klebeeffekt“ – der Fähigkeit einer Region, ihre Absolventen dauerhaft an den lokalen Arbeitsmarkt zu binden. Die Daten zeigen: Die Konkurrenz schläft nicht, und besonders die Nachbarbundesländer ziehen die in Magdeburg ausgebildeten Fachkräfte ab.
Für das Land Sachsen-Anhalt ist dieser Zustand teuer. Jährlich gehen Millionen an Ausbildungskosten verloren, wenn die frisch gebackenen Ingenieure, Mediziner und Psychologen ihre erste Steuererklärung in Hamburg oder München abgeben. Warum dieser „Brain Drain“ stattfindet, liegt nicht an der Qualität der Lehre, sondern an den Rahmenbedingungen nach dem Abschluss.
Aber was passiert nach dem Abschluss?
Hier offenbart die Statistik eine schmerzhafte Lücke. Sachsen-Anhalt hat ein „Klebe-Problem“. Nur etwa 38 % bis 42 % der zugezogenen Absolventen bleiben für den ersten Job im Land. Im benachbarten Sachsen sind es immerhin (44 %), in Bayern (über 55 %) – damit ist die Bindung deutlich stärker. Magdeburg bildet für den Export aus: Die Expertise geht nach Berlin, Leipzig oder in den Westen, während die Region leer ausgeht.

Das Protokoll eines Abschieds: Die Push- und Pull-Faktoren der Landeshauptstadt
Warum kommen junge Menschen nach Magdeburg – und warum bleiben sie nicht?
Doch warum ist der „Klebeeffekt“ in Magdeburg denn wirklich so gering? Um die Motive hinter den nackten Statistiken zu verstehen, haben wir die Perspektive gewechselt und 50 Studierende an der OVGU und der Hochschule Magdeburg-Stendal im selbstgeführten Interview befragt. Die Ergebnisse zeigen ein Tauziehen zwischen harten Fakten und weichen Gefühlen.
Unsere Befragung unter 50 Studierenden bringt die nackten Zahlen zum Sprechen. Wir haben unsere Ergebnisse in drei Kategorien gegliedert – „Heimatverbundene Personen“, „Personen auf der Durchreise“ und „Internationale Optimisten“.
Tobias (23) aus Dessau, repräsentiert den nationalen Anteil an der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Für mich war klar, dass ich in der Region bleibe. Ich habe mein Praktikum in einem Büro in Buckau gemacht und direkt ein Jobangebot für nach dem Bachelor bekommen. Hier kann ich mir ein Haus leisten, in Berlin niemals.
Aber wie stark unterscheiden sich die Mietpreise zwischen Berlin und Magdeburg wirklich?
Wir haben recherchiert: Die Kaltmiete für ein WG-Zimmer in Magdeburg liegt im Durchschnitt bei 320 €, in Leipzig bei 410 € und in Berlin bei 650 €. In Berlin zahlt man damit mehr als das doppelte im Vergleich zur preiswerten Studienstadt Magdeburg.

Elena (21) aus Bayern studiert Humanmedizin an der OVGU und repräsentiert unsere Kategorie Personen auf der Durchreise. Auch bei ihr haben wir nachgefragt: Was zieht die junge Dame aus Bayern nach Ostdeutschland.
Magdeburg hat mich durch den Mediziner-Test genommen. Die Uni ist top, die Betreuung im Klinikum auch. Aber ehrlich gesagt: Nach dem Staatsexamen zieht es mich zurück in den Süden oder in eine Stadt mit mehr nachtleben. Magdeburg ist zum Studieren super entspannt, aber für immer fehlt mir hier das gewisse Etwas.
Arav (26) aus Indien ist Teil unserer Gruppe „Internationale Optimisten“. Er macht seinen Master in Digital Engineering an der OVGU.
Ich kam für die englischsprachigen Kurse. Magdeburg hat für mich die perfekte Größe – nicht so chaotisch wie Berlin. Aber die Ausländerbehörde macht es einem manchmal schwer, sich willkommen zu fühlen.
Die Push- und Pull-Faktoren der Elbmetropole
Im weiteren Verlauf der Umfrage haben wir immer wieder ähnliche Antworten erhalten und damit die Push- und Pull-Faktoren Magdeburgs herausgefiltert. Warum bleiben Menschen wie Tobias, aber warum gehen Talente wie Elena und Arav? Die Miete ist der unschlagbare Joker. Ganze 64 % der Befragten kamen wegen der geringen Lebenshaltungskosten (ca. 320 € warm). Dennoch lassen 52 % unserer Interviewpartner die besseren Karrierechancen und attraktiveren Gehalt nicht aus den Augen. Magdeburg punktet beim Geldbeutel, verliert aber beim „Lifestyle“ und den Karriere-Gipfeln.

Günstig wohnen reicht nicht: Unsere Umfrage unter 50 Studierenden zeigt, dass die niedrige Miete (64 %) der stärkste Magnet für Magdeburg ist – doch für den Verbleib sind gute Karrierechancen (52 %) und hohe Gehälter das entscheidende Zünglein an der Waage.

Es liegt nicht an der Qualität der Lehre, sondern am Leben nach 18 Uhr und am ersten Gehaltszettel. Es reicht nicht mehr, nur die günstigste Uni-Stadt zu sein. Magdeburg muss beweisen, dass man hier nicht nur preiswert studieren, sondern auch erstklassig leben und Karriere machen kann.
Fazit: Ausbildungsschmiede für die Welt oder ein Zukunftsort für die Region?
Die Daten sprechen für sich: Aktuell ist Magdeburg vor allem eins – eine exzellente Ausbildungsschmiede. Damit die Landeshauptstadt allerdings vom „Zwischenstopp“ zum „Zukunftsort“ für Talente aus aller Welt wird, muss sie mehr sein als nur „günstig“. Die Ansiedlung von Schwergewichten wie Intel könnte der Gamechanger sein, um den landesweiten „Klebeeffekt“ zu erhöhen – aktuell ist der weg zum dauerhaften Zukunftsort der Elbmetropole noch eine Baustelle.
Aber bis dahin bleibt Magdeburg für junge Menschen wie Elena eine wunderbare Durchgangsstation – und für Studierende Arav ein Ort mit Potenzial, das noch geweckt werden will. Für Tobias ist Magdeburg bereits Heimat, für Elena und Arav liegt die Antwort noch in der Zukunft.

Über unser Projekt
Wir sind Thea Klauenberg und Chantal Pfister und studieren gemeinsam im fünften Semester Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Auf das Thema unserer Data Story sind wir durch eigene Beobachtungen in unserem studentischen. Wir erleben Magdeburg als einen Ort, der junge Menschen aus aller Welt anzieht, stellten uns aber gleichzeitig die Frage, ob die Stadt für uns und unsere Kommilitonen auch über das Studium hinaus eine Perspektive bietet.
Mit der Frage „Ausbildungsschmiede für die Welt oder Zukunftsort für die Region?“ sind wir dieser Dynamik auf den Grund gegangen. Wir wollten verstehen, warum Magdeburg als Studienstandort boomt, aber dennoch mit einer hohen Abwanderungsquote kämpft. Unsere Datenstory liefert die Antworten auf dieses Paradoxon zwischen günstigen Mieten und beruflichen Ambitionen.
Bei Fragen oder Anliegen zu unserer Recherche können Sie sich gerne per E-Mail an uns wenden:
chantal.pfister@stud.h2.de oder thea.klauenberg@stud.h2.de.
Hinweis zum Datenschutz: Die Namen und persönlichen Details der im Text genannten Studierenden (Tobias, Elena und Arav) wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert. Die Schilderungen basieren jedoch auf real geführten Interviews und repräsentieren die typischen Perspektiven der jeweiligen Studierendengruppen an der Otto-von-Guericke Universität und Hochschule Magdeburg-Stendal.