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Von M. S., Noel Agca und Maja Dauser
Bei jeder Wahl richtet sich der Fokus vor allem darauf wer gewinnt und wer verliert. Doch wer hat bei dieser Entscheidung den größten Einfluss? Eine schrumpfende, veraltete Bevölkerung bestimmt bei der kommenden Wahl in Sachsen-Anhalt mit darüber, wie die Zukunft eines Landes aussieht, die sie wahrscheinlich selbst kaum noch erleben wird. Wählt sich das Bundesland ins Grab, während junge Menschen das Land verlassen oder gar nicht erst geboren werden?
Ein Teil der Mehrheit
Am 6. September wird in einem Wahllokal eine Frau ihr Kreuz machen, die in der DDR aufgewachsen ist und den Zweiten Weltkrieg noch bewusst miterlebt hat. Damit ist sie keine Ausnahme, sondern Teil der Mehrheit in ihrem Bundesland. Sachsen-Anhalt ist das älteste Land in Deutschland; nirgendwo sonst ist der Altersdurchschnitt der Bevölkerung höher, nirgendwo ist der Anteil der über 65-Jährigen größer. Sigrid Kleiner (siehe Foto) wird für den neuen Landtag in Sachsen-Anhalt ihre Stimme abgeben, so wie sie es jedes Mal getan hat.

Briefwahl kommt für sie nicht infrage: „ich spiele selber“, sagt sie, außer es würde wirklich nicht anders gehen. Sie ist 88 Jahre alt, geboren am 18. Oktober 1937, mitten im Salzlandkreis aufgewachsen und war lange als Lehrerin tätig. Ihr ganzes Leben hat in Sachsen-Anhalt stattgefunden und die Wahlentscheidung trifft sie jedes Mal neu. Junge Menschen und ihre Interessen sind ihr durchaus wichtig, vor allem in Bezug auf die Bildung. Außerdem wünscht sie den neuen Generationen eine „stabile Wirtschaft, denn davon hängt alles ab“. Sie selbst hat aber das Gefühl, die allgemeinen Lebensbedingungen würden immer schlechter werden.
Wie alt ist Sachsen-Anhalt?
Das Alter eines Menschen bestimmt über einen Großteil der eigenen Lebensrealität und das private Umfeld. Es entstehen neue Prioritäten, wenn Seniorenheime und Arztpraxen zum festen Bestandteil des Alltags gehören. Themen wie der Klimaschutz, dessen Folgen sie selbst voraussichtlich nicht mehr miterleben werden, könnten für sie eher in den Hintergrund rücken. Trifft jemand, der sein Leben bereits größtenteils gelebt hat, politische Entscheidungen anders, als jemand, der noch Jahrzehnte vor sich hat?
Sachsen-Anhalt gilt als das Bundesland mit dem höchsten Durchschnittsalter. Um zu verstehen was das bedeutet und wie sich das abbilden lässt, beschäftigen wir uns zunächst mit Daten des Statistischen Bundesamtes (mehr unter MethodikM2).
Danach analysieren wir, anhand des Wahlverhaltens bei der Bundestagswahl 2025, Unterschiede bei den Altersgruppen und in den Landkreisen in Sachsen-Anhalt.
Zudem versuchen wir zu verstehen, wie sich das polarisierendste Thema der Wahl auf das Durchschnittsalter ausgewirkt hat.
Sachsen-Anhalt ist also das älteste Bundesland in einer der Nationen mit dem höchsten Medianalter auf dem Planeten. Ein (gesamtgesellschaftlich nicht unproblematischer) Umstand, der sich deutlich in den ausgewerteten Daten erkennen lässt.
Der demographische Wandel im Alltag
Die Bevölkerung in Sachsen-Anhalt tendiert zu schrumpfen. Auch Sigrid sieht ein Problem darin, für sie ist der demographische Wandel nicht nur ein Zahlenbeispiel. Sie erinnert sich an eine Zeit, in der Generationen sich gegenseitig unterstützt haben, nach dem Krieg waren es die Großeltern, „die einen durch die Nachkriegszeit gebracht haben“, obwohl deren eigene Rentenansprüche „durch die politische Lage nach dem Krieg gewaltig geschrumpft waren.“ Wer selbst Geld verdiente, musste die Älteren unterstützen: „das war eben der stumme Generationenvertrag, der funktioniert hat.“ Sie ist der Meinung, heute wäre das nicht mehr möglich. Zudem spricht sie an, dass Frauen, die Kinder haben möchten, wirtschaftlich schlechter dastehen. Durch die Kinderzeit sei es ihnen unmöglich, ähnlich lange Dienstzeiten wie ein Mann zu haben. Das könnte eine niedrigere Geburtenrate fördern und zu Überalterung beitragen. Sigrid wünscht sich für diese Zeiten eine „gewisse Anerkennung für die Rentenpunkte oder auch für das berufliche Fortkommen.“
Über Politik tauscht sie sich regelmäßig mit ihren Freunden aus, insbesondere in ihrer Farbkreis-Gruppe des AWO Kreisverband Magdeburg e.V.. Ihre Bekannten sind in ihrem Alter und setzen ähnliche Schwerpunkte bei der Wahl: die Schere zwischen Arm und Reich, Kompetenz der Kandidierenden und Wirtschaft werden häufig genannt. Als Informationsquellen nutzen alle vor allem das Fernsehen, die lokalen Zeitungen und ihr Umfeld. Wie stark ihre Altersgruppe die Wahlergebnisse tatsächlich prägt und was das für das Bundesland bedeutet, zeigen die Daten.
Wahlverhalten nach Alter
Sachsen-Anhalt hat also eindeutig eine verhältnismäßig alte Bevölkerung. Aber bringt ein höheres Alter auch ein bestimmtes Wahlverhalten mit sich?
Das kann uns Nicolas Spohn, Wahlforscher an der
Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg nur zum Teil bestätigen:
„Jüngere Menschen sind volatiler in ihren Wahlabsichten, während ältere Menschen meist eine stärkere Parteiidentifikation aufweisen. Für den Osten gilt jedoch, dass die Parteiverwurzelung nach der Wiedervereinigung nur langsam und in geringerem Maß stattfand. Das ist einer der Gründe, weshalb Sachsen-Anhalt schon immer einen hohen Anteil von Wechselwählern hatte.“
Einen kausalen Zusammenhang zwischen den Wahlerfolgen rechtspopulistischer Parteien wie der AfD und dem hohen Durchschnittsalter in Ostdeutschland sieht Spohn nicht. Ein solcher
Zusammenhang lässt sich auch in der repräsentativen Statistik zur Bundestagswahl 2025 in Sachsen-Anhalt nicht nachweisen.
Verjüngung durch Zuwanderung
Das öffentlich präsenteste Thema der Landtagswahl ist wahrscheinlich die Zuwanderung.
Da in den Metriken zum Alter der Bevölkerung Nicht-Deutsche explizit gelistet sind, eignet sich dieser Artikel, Zusammenhänge zwischen dem Alter der Bevölkerung und Zuwanderung nach Deutschland aufzuzeigen.
Die grafischen Auswertungen zeigen: In dem Bundesland, in dem Sigrid Kleiner im September den Landtag mitbestimmt, Sachsen-Anhalt, altert die Bevölkerung weniger stark wenn Migration stattfindet. Vor allem bei der nicht-deutschen Bevölkerung lässt sich, bei den Männern ab 2011, bei den Frauen auch ab 2014 ein starker Rückgang im Altersschnitt erkennen. Dies bewirkte 2015 sogar, dass der Gesamtaltersdurschnitt in Sachsen-Anhalt zum ersten Mal seit mindestens 14 Jahren niedriger war als im Vorjahr.
Die deutsche Bevölkerung ist seit 2001 im Durchschnitt zwar kontinuierlich gealtert, allerdings nahm das Alter ab 2012 weniger zu als zuvor.
2022 lässt sich ein eindeutiger Alterssprung bei der nicht-deutschen Bevölkerung erkennen, älter bei weiblich, jünger bei männlich. Dies lässt sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf Flüchtlinge aus der Ukraine zurückführen.
Diese Korrelation sieht man auch sonst in Deutschland: durch Zuwanderung wurde der kontinuierliche Anstieg des Durchschnittalters deutlich abgeflacht, was theoretisch besonders für den Arbeitsmarkt wünschenswert ist. Natürlich bedarf es über die einfache Zuwanderung hinaus funktionierende Integrationsmechanismen, im Interesse aller Beteiligten.
Eine Karte zur Zuwanderung in Deutschland findet sich unter „Zusätzliche Visualisierungen“.
Ein Faktor unter vielen
Sachsen-Anhalt ist im Durchschnitt älter, als jedes andere deutsche Bundesland, die Datenlage dazu ist klar. Doch ein direkter Zusammenhang zwischen diesem hohen Alter und dem Erfolg rechtspopulistischer Parteien lässt sich nicht bestätigen. Wie Wahlforscher Nicolas Spohn einordnet, wählen ältere Menschen nicht extremer, sondern etablierter. Trotzdem bleibt die Beobachtung: Landkreise mit höherem Durchschnittsalter gehören häufig auch zu denen mit den höchsten AfD-Anteilen (das hängt aber nicht allein mit dem Alter der Wähler zusammen). Die Interessen unterscheiden sich trotzdem deutlich und Wünsche jüngerer Generationen könnten in der Politik des neuen Landtags von Sachsen-Anhalt eher untergehen. Sigrid ist eine von hunderttausenden älteren Menschen, die das Wahlergebnis prägen. Wo sie ihr Kreuz macht, lässt sich allein anhand ihres Alters aber nicht vorhersagen.
Experte
Nicolas Spohn betreibt Parteien- und Wahlforschung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
Profil Forschungsprotal Sachsen-Anhalt
Wir bedanken uns herzlich.
Methodik
Den meisten der Auswertungen und Darstellung liegen eigene Berechnungen zugrunde, welche nicht extern validiert wurden.
M1: Erfassung der zugrundeliegenden Statistik 2000 – 2024. Erfassung zum Stichtag 31.12. in Altersjahren [0,1,2…90+]. Personen die 90 Jahre und älter sind, werden summiert erfasst. Personenalter berechnet als ([Altersjahr] + 0,5 Jahre). Statistik also nicht exakt aber einheitlich.
M2: Eine unmittelbare Statistik zum Durchschnittsalter gibt es zwar, allerdings nur für Ost-, West- und Gesamtdeutschland (seit 1990).
Als Grundlage für die meisten unserer Altersdaten wurde die „Fortschreibung des Bevölkerungsstandes“ ausgewertet, welche die Anzahl der Personen in den jeweiligen Altersjahren 0 – 90+ in der Bevölkerung angibt, aufgeschlüsselt nach Bundesland, Nationalität und Geschlecht. Diese Fortschreibung startet im Jahr 2000.
M3:
Durchschnittsalter: Alle Altersjahre der Personengruppe werden addiert und durch die Anzahl der Personen geteilt.
Medianalter: Alle Personen werden nach aufsteigendem Alter sortiert, die Person in der Mitte dieser Auflistung hat das Medianalter.