von Vita-Magdalena Wagenhuber und Linda Schröder

Bild: Vita-Magdalena Wagenhuber und Linda Schröder
Der alte weiße Mann dominiert die Politik! Oder?
Seit 2021 steht, nach der 16-jährigen Merkel-Ära, wieder ein Mann an der deutschen Regierungsspitze. Erst der heute 68-jährige Olaf Scholz und seit 2025 der 70-jährige Friedrich Merz. Beide erfüllen damit das Klischee des alten weißen Mannes, der die Politik prägt.
Auch in Sachsen-Anhalt dominieren derzeit Männer das politische Feld. Im Landtag Sachsen-Anhalts sind von 97 Abgeordneten nur etwa ein Viertel weiblich. Am 6. September könnte sich das mit der Landtagswahl ändern. Oder? Denn entscheidend dafür, wer gewählt wird, ist auch, wer überhaupt gewählt werden kann.
Wie viel Auswahl gibt es also bei der diesjährigen Landtagswahl in Sachsen-Anhalt? Es existieren bereits zahlreiche Prognosen: Dazu, welche Partei voraussichtlich von wem gewählt wird, welche Partei wohl als stärkste Kraft in den Landtag zieht und wer an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern könnte. Doch bislang hat sich niemand mit der Frage beschäftigt, wie divers das Kandidierendenfeld überhaupt ist.
Wer steht zur Wahl?
Die Antwort auf diese Frage ist schwer zu finden. Da bisher noch keine Studien die Kandidierenden der Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt genauer unter die Lupe genommen haben, war für diese Data Story eine umfassende Auswertung von Daten notwendig. Die offiziellen Wahlvorschläge für die Landtagswahl 2026 können voraussichtlich erst ab dem 31. Juli 2026 eingesehen werden. Deshalb war eine eigenständige Recherche der Kandidierenden erforderlich. Während die acht Parteien AfD, CDU, Freie Wähler, FDP, BSW, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und die Linke ihre Landeslisten und Direktkandidat*innen bereits offiziell bekanntgegeben haben, fehlen noch die Angaben fast aller Kleinparteien. Somit besteht der bisherige Datensatz nur aus insgesamt 291 Kandidierenden der AfD, CDU, Freie Wähler, FDP, BSW, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und der Linken.
Die Kandidat*innen der einzelnen Parteien wurden auf verschiedene Diversitätsmerkmale untersucht, um herauszufinden, welche Gruppen die Politik aktuell dominieren. Zu den Merkmalen, die ausgewertet wurden, zählen das Geschlecht, Alter sowie die Berufe bzw. Berufsgruppen der Kandidierenden. Weitere Diversitätsmerkmale konnten nicht untersucht werden, da die Datenlage hier zu gering wäre, um repräsentative Aussagen zu treffen.
Um zudem Aussagen über eine Entwicklung der Kandidierendenlandschaft Sachsen-Anhalts treffen zu können, wurden weitere Daten zur Landtagswahl 1990 herangezogen. Diese Daten wurden vom Büro der Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalts bereitgestellt und enthalten Informationen über alle 667 Kandidierenden aus 13 Parteien, die bei der ersten Landtagswahl Sachsen-Anhalts seit der Wiedervereinigung Deutschlands zur Wahl standen. Mehr Infos zu den Parteien der Landtagswahl 1990 hier.
Analysiert wurden insgesamt 291 offiziell bekanntgegebene Kandidat*innen der Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt aus den acht Parteien AfD, CDU, Freie Wähler, FDP, BSW, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und die Linke. Einige davon kandidieren nur auf der Landesliste oder als Direktkandidat*in, andere haben sich für beide Positionen aufstellen lassen. Da bisher nur wenige Kleinparteien ihre Kandidierenden bekanntgegeben haben und diese zudem noch auf 1.000 Unterstützungsunterschriften angewiesen sind, um zur Wahl zugelassen zu werden, war hier keine Auswertung möglich.
Zudem wurden auch alle 667 Kandidierenden der Landtagswahl 1990 ausgewertet. Sie stammen aus den 13 Parteien NPD, REP, DSU, Chr. L., CSP, CDU, F.D.P, SPD, Grü-NF, USPD, DFD, PDS, DBU.
Ausgewertet wurden die Diversitätsmerkmale Geschlecht, Alter und die Berufsgruppen der Kandidierenden. Auch wenn weitere Diversitätsmerkmale wie der soziale Status, die Weltanschauung oder die Sexualität ebenfalls aufschlussreiche Ergebnisse hätten liefern können, wurde in dieser Data Story darauf verzichtet. Viele Diversitätsmerkmale sind nicht recherchierbar, weil sie von Kandidierenden regulär nicht in die Öffentlichkeit getragen werden. Der Datensatz würde damit für eine Auswertung nicht genügen. Auch wenn der Fokus deshalb auf drei Diversitätsmerkmalen lag, die besser recherchiert werden konnten, ist der Datensatz nicht für alle Kandidierenden aus allen Parteien vollständig. Wie vollständig die Auswertung ist und wo Lücken bestehen, wurde an der jeweiligen Stelle in der Data Story genauer beschrieben.
Das Geschlecht wurde in den drei Kategorien männlich, weiblich und divers ausgewertet. Zur Auswertung des Alters wurde jeweils das Alter der Kandidierenden zum Zeitpunkt der Wahl berechnet. Zur Auswertung der Berufe wurden diese, für eine bessere Übersichtlichkeit, in zwölf Gruppen unterteilt: Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Unternehmertum, Bildung und Erziehung, Gesundheit und Soziales, Handwerk und Landwirtschaft, Wissenschaft und Forschung, Technik und Ingenieurswesen, Recht und Justiz, Kunst und Kultur, Religion und Kirche, Medien sowie Sonstige Berufe. Die Informationen der Kandidierenden der aktuellen Wahl wurden online auf persönlichen- und Parteiseiten recherchiert. Für die Kandidierenden der Landtagswahl 1990 wurden ausschließlich die Informationen herangezogen, die von der Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalts auf Anfrage zur Verfügung gestellt wurden. Eine Nachrecherche war hier aufgrund der geringen Datenlage nicht mehr möglich.
Alle Daten wurden inklusive der Datenquellen in einer umfassenden Excel-Tabelle gesammelt und anschließend über das Statistikprogramm IBM SPSS Statistics ausgewertet. Dabei konnten nicht nur Häufigkeiten und Entwicklungen analysiert werden. Ebenso war es möglich signifikante Zusammenhänge über einen Chi-Quadrat-Test festzustellen und zu messen.
Die Großparteien wurden zudem selbst zur Diversität in der Kandidierendenlandschaft Sachsen-Anhalts und ihrem eigenen Umgang mit Diversität befragt. Nur die SPD und das Bündnis 90/Die Grünen beantworteten bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung diese Fragen. Ein Interview mit Natalie Winzenhöller, Kandidatin der Linken für die bevorstehende Landtagswahl, gab weitere Aufschlüsse.
Frauen in der Unterzahl
Der erste Blick auf die Daten zeigt ein klares Bild: Im Jahr 1990 war mit 73,9 Prozent die Mehrheit der Kandidierenden männlich und bildet die deutsche Bevölkerung somit nicht realitätsnah ab. Auch 36 Jahre später ist nur eine geringfügige Verbesserung zu verzeichnen. Bei 257 von 291 Kandidierenden konnte das Geschlecht eindeutig bestimmt werden. Hier liegt der Frauenanteil mit 29,6 Prozent noch deutlich hinter dem Anteil von Frauen in der deutschen Bevölkerung, denn mehr als die Hälfte der Deutschen ist laut Statistischem Bundesamt weiblich. Da niemand bei der Auswertung der Kategorie divers zugeordnet werden konnte, floss diese auch nicht in die Ergebnisse ein.
Doch nicht in jeder Partei zeigt sich diese Ungleichverteilung im selben Maße. Der Zusammenhang zwischen Partei und Geschlecht ist statistisch signifikant. Aus der Befragung der Parteien und dem Interview mit Natalie Winzenhöller geht hervor, dass die SPD, das Bündnis 90/Die Grünen, wie auch die Linke für die Aufstellung ihrer Kandidierenden mit einer Frauenquote arbeiten. Das zeigt sich auch in der Auswertung. Während das Verhältnis in der SPD, der Linken und im Bündnis 90/Die Grünen am ausgeglichensten ist, kandidieren im BSW und in der AfD mit einem Männeranteil von fast 90 Prozent die wenigsten Frauen.
Politik bleibt Männersache

Zur besseren Veranschaulichung der Ergebnisse dieser Data-Story wird hier ein Prototyp visualisiert, der die wahrscheinlichsten Merkmale eines Kandidierenden bei der diesjährigen Landtagswahl vereint. Wer 2026 kandidiert, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Mann. Damit lässt sich bereits der erste Baustein unseres Kandidaten-Prototyps setzen, der im Folgenden Schritt für Schritt ergänzt wird.
(Grafik: eigene Darstellung, erstellt mit Canva)
„Ich fühle mich nicht ernst genommen“
Die Auswertung zeigt, wie sich die Kandidierenden nach Geschlecht, Alter und Beruf verteilen. Sie zeigt jedoch nicht, wie es sich anfühlt, als junge Frau selbst für ein politisches Amt zu kandidieren. Hinter jeder Kandidatur steht ein Mensch mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Erfahrungen.
Die 25-jährige Natalie Winzenhöller ist in diesem Jahr Direktkandidatin der Linken für den Wahlkreis Zerbst und auf Landeslistenplatz 13. Als junge Frau stößt sie im Wahlkampf immer wieder auf Hürden.
Für graue Haare reicht es noch nicht
Neben ihrem Geschlecht hebt Natalie Winzenhöller auch ihr Alter als Hürde und Grund für Diskriminierung hervor. Tatsächlich liegt das Durchschnittsalter der 219 Kandidierenden, von denen ein Alter ermittelt werden konnte, in diesem Jahr bei 45,12 Jahren. Der Anteil der 18 bis 29-Jährigen, zu denen auch Winzenhöller gehört, liegt außerdem bei unter 15 Prozent. Für das Wahljahr 1990 konnte bei allen 667 Kandidierenden ein Alter ermittelt werden. Auch wenn hier der Anteil der 18 bis 29-Jährigen noch niedriger lag, waren die Kandidierenden mit durchschnittlich 42,27 Jahren trotzdem jünger. Das Kandidierendenfeld wird insgesamt also immer älter. Dies zeigt sich auch an einem deutlichen Anstieg der über 60-Jährigen seit 1990.
Wer sich die Kandidierenden der Landtagswahl 1990 ansieht, begegnet zahlreichen Parteikürzeln, die heute kaum noch jemand kennt. Das ist wenig überraschend: Die erste Landtagswahl Sachsen-Anhalts fand am 14. Oktober 1990 statt, nur elf Tage nach der deutschen Wiedervereinigung. Das Parteiensystem war zu diesem Zeitpunkt selbst noch im Umbruch. Neben Parteien, die bis heute existieren, traten ehemalige DDR-Organisationen, Bürgerrechtsbündnisse, christliche und nationalkonservative Neugründungen sowie mehrere Kleinstparteien an.
Die folgende Einordnung von links nach rechts dient der Orientierung. Sie ist bewusst vereinfacht: Vor allem bei kleinen und kurzlebigen Parteien lässt sich die politische Ausrichtung nicht immer eindeutig auf einer einzigen Links-rechts-Achse abbilden.

Grafik: eigene Darstellung, erstellt mit Canva
Die Deutsche Biertrinker Union war eine 1990 gegründete Spaß- bzw. Protestpartei. Zu ihrem jungen Führungspersonal gehörten mehrere Studenten. Inhaltlich konzentrierte sich die Partei auf Forderungen rund um Bier. Eine seriöse Einordnung von links nach rechts ist bei dieser Partei kaum möglich.
Auch die einzelnen Parteien werden im Schnitt immer älter. 1990 war die studentische Protestpartei DBU mit einem Altersdurchschnitt von 22,5 Jahren die jüngste Partei. 2026 ist es das Bündnis 90/Die Grünen mit durchschnittlich 37,19 Jahren, gefolgt von der Linken und der SPD. Das BSW und die AfD haben in diesem Jahr nicht nur den höchsten Männeranteil, sondern auch das höchste Durchschnittsalter. Der älteste Kandidat ist ebenfalls aus der AfD: Der 78-jährige Frank-Ronald Bischoff.
Dass der älteste Kandidat männlich ist, ist kein Zufall: Sowohl 1990 als auch 2026 sinkt der Frauenanteil mit zunehmendem Alter immer weiter ab. Für die Landtagswahl 1990 zeigt sich dieser Trend sogar statistisch. Zwischen Alter und Geschlecht besteht ein signifikanter Zusammenhang: Je älter die Kandidierenden sind, desto höher ist der Männeranteil.
Doch kein alter weißer Mann?
Der Kandidaten-Prototyp nimmt mit dieser Auswertung weiter Gestalt an. Ein „alter weißer Mann“ ist er zwar noch nicht, jung allerdings auch nicht mehr. Mit durchschnittlich 45 Jahren gehört der Kandidat zu den Menschen mittleren Alters – visualisiert mit Bart.

(Grafik: eigene Darstellung, erstellt mit Canva)
„Man muss es sich leisten können“
Alter und Geschlecht sind aber nicht die einzigen Faktoren, die eine Kandidatur erschweren können. Diese Erfahrung hat auch Natalie Winzenhöller von der Linken gemacht.
Winzenhöller arbeitet selbst in Vollzeit. Gleichzeitig muss sie Wahlkampfauftritte, Gespräche und Veranstaltungen organisieren. „Wenn ich einen Vollzeitjob habe und nebenbei meine Kandidatur stemmen möchte, ist das eine Herausforderung“, sagt sie. Viele Einladungen erhalte sie erst wenige Tage vorher. Vormittagstermine müsse sie deshalb häufig ablehnen, weil sie so kurzfristig keinen Urlaub bekomme.
Für Menschen mit unflexiblen Arbeitszeiten ist politisches Engagement dadurch schwerer. Ähnliches gilt für Personen, die kleine Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder sich ein unbezahltes politisches Engagement nicht leisten können. Politische Kandidaturen sind deshalb nicht nur eine Frage des Wollens, sondern auch eine Frage der verfügbaren Ressourcen.
Welche Berufe sind unter den Kandidierenden der Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt besonders häufig vertreten? Und finden sich auf den Listen tatsächlich Menschen aus möglichst vielen Teilen der Arbeitswelt, oder führen manche berufliche Wege deutlich häufiger in die Politik als andere?
Für 2026 konnte bei 233 Kandidierenden eine Berufsgruppe bestimmt werden. Am häufigsten vertreten ist Politik und Verwaltung mit 17,2 Prozent. Fast gleichauf folgt Wirtschaft und Unternehmertum mit 16,7 Prozent. Auf Platz drei liegt Bildung und Erziehung. Zusammengenommen entfällt damit fast die Hälfte der bekannten Berufsangaben auf diese drei Bereiche. Kunst und Kultur, Medien sowie Religion und Kirche tauchen dagegen nur sehr selten auf.
Die Daten zeigen somit durchaus unterschiedliche Berufswege. Gleichzeitig konzentriert sich ein großer Teil des Kandidierendenfeldes auf wenige Bereiche. Menschen in Schichtarbeit oder körperlich belastenden Berufen kommen selten vor. Wie auch Natalie Winzenhöller bereits schlussfolgerte, haben sie es deutlich schwerer, regelmäßige Sitzungen und Wahlkampf mit ihrem Beruf zu vereinbaren. .
Für die Wahl von 1990 ist ein direkter Vergleich nur eingeschränkt möglich. Bei lediglich 106 der insgesamt 667 Kandidierenden ist ein Beruf dokumentiert. Unter den bekannten Fällen waren Wissenschaft und Forschung, Technik und Ingenieurwesen sowie Bildung und Erziehung besonders häufig vertreten. Da diese 106 Personen allerdings nicht das gesamte Kandidierendenfeld repräsentieren, lassen sich daraus keine verlässlichen Aussagen über alle Kandidierenden des Jahres 1990 ableiten.
Im besten Fall fließen in politische Entscheidungen Erfahrungen aus möglichst vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ein. Dafür ist nicht zwingend notwendig, dass Abgeordnete selbst verschiedene Berufe ausüben, aber ihr beruflicher Hintergrund beeinflusst dennoch, welche Probleme und Lebensrealitäten sie aus eigener Erfahrung kennen.
Anzug statt Blaumann

Da Kandidierende in diesem Jahr mit höchster Wahrscheinlichkeit im Bereich Politik und Verwaltung tätig sind, arbeitet auch der Kandidaten-Prototyp als Politiker und trägt damit bei der Arbeit häufig Anzug und Krawatte.
(Grafik: eigene Darstellung, erstellt mit Canva)
Was sagen die Parteien selbst?
Zahlen zeigen, wie ein Kandidierendenfeld zusammengesetzt ist. Sie verraten jedoch nicht, ob Parteien diese Zusammensetzung selbst als vielfältig empfinden, welche Hindernisse sie erkennen und was sie verändern wollen. Die Parteien wurden deshalb befragt, wie sie die eigene Landschaft einschätzen und mit welchen Maßnahmen sie mehr Vielfalt erreichen möchten.
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung haben nur die SPD und das Bündnis 90/Die Grünen auf die Anfrage geantwortet. Von AfD, CDU, FDP, BSW und der Linken liegt keine Rückmeldung vor. Dadurch kann die Selbsteinschätzung nicht für alle Parteien gleichermaßen mit den Daten verglichen werden. Eine fehlende Antwort bedeutet dabei nicht automatisch, dass eine Partei das Thema für unwichtig hält, lediglich, dass für die Data Story keine eigene Einordnung vorlag.
Die Grünen sehen sich im Vergleich zu anderen Parteien bereits breit aufgestellt. Auf ihren Wahllisten fänden sich Menschen unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen beruflichen Hintergründen und aus unterschiedlichen Regionen Sachsen-Anhalts. Trotzdem sieht sie Entwicklungspotenzial, besonders bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte, Menschen mit Behinderungen und Personen aus nicht akademischen Berufen.
Um Vielfalt zu fördern, setzt die Partei nach eigenen Angaben auf eine Frauenquote sowie auf Mentoring-, Vernetzungs- und Qualifizierungsangebote. Für die Zukunft fordert sie familienfreundlichere Sitzungszeiten, bessere Möglichkeiten zur digitalen Teilnahme, stärkeren Schutz vor Hass und Bedrohungen sowie ein Paritätsgesetz.
Die Daten bestätigen zumindest beim Geschlecht und Alter ein vergleichsweise vielfältiges Bild. Bündnis 90/Die Grünen ist die einzige untersuchte Partei, bei der Frauen mit 52,6 Prozent eine knappe Mehrheit stellen. Mit durchschnittlich rund 37 Jahren haben die Grünen außerdem das jüngste Kandidierendenfeld.
Auch die SPD misst Gleichstellung und Vielfalt einen hohen Stellenwert bei. Nach eigenen Angaben sei die Landesliste bis Platz 26 paritätisch besetzt. Neben Geschlechterparität achtet die SPD nach eigener Aussage auch auf eine regionale Verteilung. Zudem verweist sie auf mehrere jüngere Kandidierende.
Als Hürden nennt die Partei vor allem „Sicherheit, Zeit, Vertrauen und Resilienz“. Öffentliche Anfeindungen, mögliche berufliche Nachteile und eine raue gesellschaftliche Stimmung könnten Menschen von einer Kandidatur abhalten. Zur Förderung von Vielfalt setzt die SPD auf paritätische Listen, ein Mentoringprogramm der SPD Frauen sowie Arbeitsgemeinschaften für junge Menschen, Menschen mit Behinderung, Selbstständige und Mitglieder mit Migrationsgeschichte.
Im Datensatz spiegelt sich die paritätische Besetzung zwar wider, jedoch liegt der Frauenanteil trotzdem nur bei 32,5 Prozent. Dass der Gesamtwert deutlich unter 50 Prozent liegt, obwohl die Landesliste paritätisch besetzt ist, hängt damit zusammen, dass die Auswertung auch die Direktkandidierenden in den Wahlkreisen einbezieht. Mit einem Durchschnittsalter von knapp 42 Jahren gehört die SPD tatsächlich zu den jüngeren Parteien im untersuchten Feld, was die Selbsteinschätzung der Partei bestätigt.
Eine Wahl ohne Auswahl?
Am Wahltag können die Wähler*innen zwischen verschiedenen Parteien und Kandidierenden wählen. Doch wer überhaupt auf dem Stimmzettel erscheint, wurde bereits vorher entschieden.
Die Data Story zeigt, dass sich das Kandidierendenfeld seit 1990 verändert hat. Der Frauenanteil ist von 26,1 auf 29,6 Prozent gestiegen. Eine grundlegende Verschiebung ist das jedoch nicht: Auch 2026 sind rund sieben von zehn erfassten Kandidierenden männlich. Das Durchschnittsalter ist nicht gesunken, sondern von etwa 42 auf rund 45 Jahre gestiegen. Zugleich konzentrieren sich die bekannten Berufsangaben auf einige wenige Bereiche, vor allem Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Unternehmertum sowie Bildung und Erziehung.
Aus diesen häufigsten Merkmalen lässt sich ein fiktiver Prototyp zusammensetzen. Er ist männlich, ungefähr 45 Jahre alt und arbeitet mit vergleichsweise hoher Wahrscheinlichkeit in Politik oder Verwaltung.
Und noch etwas lässt sich aus den Daten entnehmen. Mit höchster Wahrscheinlichkeit heißt er in diesem Jahr mit Vornamen Andreas oder Michael und mit Nachnamen Schneider. Der fertige Kandidaten-Prototyp trägt deshalb den Namen Andreas-Michael Schneider.

(Grafik: eigene Darstellung, erstellt mit Canva)
Ist die Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt also eine Wahl ohne Auswahl? Das lässt sich nicht eindeutig sagen. Die Gesellschaft Sachsen-Anhalts bildet das Kandidierendenfeld nur unvollständig ab: Manche Gruppen tauchen häufig auf, andere gar nicht. Das bedeutet aber nicht, dass jemand allein aufgrund seines Geschlechts, Alters oder Berufs gute oder schlechte Politik macht. Menschen können auch Interessen vertreten, die nicht ihrer eigenen Biografie entsprechen.
Die Daten zur Landtagswahl 1990 wurden uns vom Büro der Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalts zur Auswertung zur Verfügung gestellt. Sie dürfen aufgrund des Datenschutzes nicht veröffentlicht werden und finden sich aus diesem Grund auch nicht in der Data Story. Eine anonymisierte Version der Auswertung kann jedoch auf Nachfrage zur Verfügung gestellt werden.
Die Daten zur Landtagswahl 2026 basieren auf einer eigenen Recherche und wurden in einer umfassenden Excel-Tabelle erfasst. Hier finden sich auch alle Quellen der umfassenden Recherche. Die Tabelle kann auf Nachfrage zur Verfügung gestellt werden. Kontaktieren Sie dazu die Autorin Vita-Magdalena Wagenhuber unter vita-magdalena.wagenhuber@stud.h2.de.
- Bräuninger, Thomas/Debus, Marc (2026): Freie Demokratische Partei. Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/themen/parteien/wer-steht-zur-wahl/baden-wuerttemberg-2026/575051/freie-demokratische-partei/ [Abgerufen am 21.07.2026].
- Bundeszentrale für politische Bildung (2020): Die erste und letzte freie Wahl in der DDR. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/202873/die-erste-und-letzte-freie-wahl-in-der-ddr/ [Abgerufen am 21.07.2026].
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- Bundeszentrale für politische Bildung (o.D.d): Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS). Das Politiklexikon. https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17995/partei-des-demokratischen-sozialismus-pds/ [Abgerufen am 21.07.2026].
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- Der Bundeskanzler (o.D.a): Friedrich Merz. Biografie. https://www.bundeskanzler.de/bk-de/kanzleramt/bundeskanzler-seit-1949/biografie-friedrich-merz [Abgerufen am 21.07.2026].
- Der Bundeskanzler (o.D.b): Olaf Scholz. Biografie. https://www.bundeskanzler.de/bk-de/content/olaf-scholz-lebenslauf-1974936 [Abgerufen am 21.07.2026].
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