von Cheyenne Dittrich, Mira Citli und Melvin Otto

Egal ob Bundestagswahl oder Landtagswahl: Kaum ist die Stimme abgegeben, stellt sich schnell die Frage, ob die Parteien ihre Versprechen halten. Doch diese Perspektive greift oft zu kurz. Sie setzt voraus, dass wir unsere Wahlentscheidung rein rational wählen. Die Realität ist jedoch komplexer. Denn oft wählen wir nicht das, was uns objektiv gut tut, sondern folgen unseren Intuitionen, die dann später genau die Unzufriedenheit verstärken, die wir eigentlich vermeiden wollen.
Zwischen Bauchgefühl und Wahlprogramm
Es ist ein kühler Sonntagmorgen am 22. März 2026. In der Grundschule in Berghausen (Römerberg) herrscht auch heute ein reger Betrieb. Denn die Mensa der Schule wurde heute zum Wahllokal umfunktioniert. Menschen kommen und gehen, manche eilen alleine durch den großen Raum, andere schieben Kinderwagen vor sich her oder halten ihren Partner an der Hand. Zwischen kurzen Gesprächen über das Wetter und freundlichen Begrüßungen fällt hier heute die Entscheidung über die politische Zukunft von Rheinland-Pfalz.
Doch eine Person findet man heute nicht im Wahllokal: Diana. Sie hat ihre Wahl längst hinter sich und kann diesen kühlen Sonntag ganz gemütlich zu Hause verbringen. Sie hat sich nämlich für den Weg der Briefwahl entschieden. Lange überlegen musste die 47-Jährige nicht, als sie die Stimmzettel auf ihren Esstisch ausbreitete.

Doch es war keine Wahl, die auf stundenlangem Lesen und Analysieren von hunderten Seiten von Wahlprogrammen basierte. Im Gegenteil: Gelesen hat sie kein einziges davon. “Die Programme sind einfach zu lang und zu kompliziert”, findet sie. Für sie sind die Programme nicht mehr als eine abstrakte Ansammlung von Versprechen, die im Alltag kaum noch greifbar sind.
Stattdessen verließ sie sich auf andere Orientierungshilfen. Diana informierte sie sich über den Wahl-O-Mat, verfolgte die Berichterstattung in den Medien und hörte letztendlich auf ihr Bauchgefühl. Wirtschaft, Gesundheitsversorgung sowie die innere Sicherheit waren die Themen, welche sie am meisten beschäftigten. Es sind Themen, die ihren Alltag direkt prägen. Es geht dabei nicht um abstrakte Fragen oder Zahlen, sondern um die Frage, ob am Monatsende noch genug Geld übrig bleibt, um die gestiegenen Preise zu decken oder ob sie sich in ihrer Nachbarschaft nach Einbruch der Dunkelheit noch sicher fühlen kann.
Wenn man Dianas Verhalten betrachtet, stellt sich die Frage, ob das Wahlprogramm ihrer Partei bei ihrer Entscheidung überhaupt eine Rolle spielte? Eigentlich sollten diese Dokumente den Wählerinnen und Wählern als Navigation dienen, welches zeigt, wofür eine Partei steht und welche politischen Ziele sie verfolgt. In der politischen Theorie sind sie die Grundlage für das Handeln der kommenden Regierungen. Die Realität der Wahlentscheidung hat sich stark verändert. Das Lesen der Programme, was theoretisch eine fundierte Entscheidung ermöglichen könnte, findet kaum noch statt. Heutzutage sind Wahlprogramme viel mehr Alibi-Dokumente, die zwar gedruckt werden, aber von der Bevölkerung systematisch ignoriert werden. Warum ist das so? Und was sagt das über unsere Gesellschaft aus, wenn wir zwar wählen, aber den inhaltlichen Kern unserer Entscheidung kaum kennen?
Was steht eigentlich in einem Wahlprogramm?
Wahlprogramme sind weitaus mehr als Werbebroschüren. Sie gelten als das politische Angebot einer Partei. In diesen Dokumenten definieren Parteien die Probleme des Landes und schlagen konkrete Lösungen vor. Sie formulieren Ziele und Prioritäten und beschreiben ihr politisches Vorhaben für die kommende Legislaturperiode. Zudem bilden diese Programme das Fundament für komplexe Koalitionsverhandlungen, die nach der Wahl folgen. Sie sind das Pflichtenheft, an dem sich eine Regierung messen lassen muss.
Zumindest in der Theorie hat dieses System eine enorme Macht. Denn Wählerinnen und Wähler könnten durch ihre Wahlentscheidung bereits im Vorfeld beeinflussen, welche politische Konstellation nach der Wahl das Land regiert. Denn in der Regel arbeiten Parteien, die sich in vielen Bereichen widersprechen, kaum miteinander. Wer die Wahlprogramme liest und miteinander vergleicht, könnte theoretisch genau jene Kraft auswählen, die die eigenen Interessen und Werte am präzisesten vertritt.
Doch die Praxis sieht anders aus. Während die Parteimitglieder ihre Programme wochenlang bis ins kleinste Detail ausfeilen, bleibt das Ergebnis für die breite Bevölkerung weitgehend unbekannt. Die meisten Menschen lesen diese Dokumente gar nicht und das aus guten Gründen. Die Sprache ist oft hölzern, die Details wirken lebensfern und die Masse an Text schreckt ab.
Wir treffen politische Entscheidungen, ohne die inhaltlichen Grundlagen überhaupt zu kennen. Wir wählen keine Konzepte mehr, sondern ein Bild und entscheiden uns für Parteien, deren tatsächliche Ziele wir nur grob aus den Medien kennen. Doch warum lassen wir uns auf das Risiko ein? Die Antwort auf diese Frage führt uns direkt in den Kern der heutigen Unzufriedenheit. Diese kommt eben nicht davon, dass Parteien ihr Versprechen nicht halten, sondern dass wir oft gar nicht wissen, was wir da eigentlich wählen.
Dianas Wahl
Für Diana waren vor der Wahl drei Themen besonders wichtig: Wirtschaft und Arbeit, Gesundheitsversorgung sowie innere Sicherheit. Es sind Themen, die ihren Alltag unmittelbar betreffen. „Die Kosten steigen überall. Bei Lebensmitteln, Steuern und der Gesundheitsversorgung. Am Ende bleibt immer weniger übrig“, sagt sie. Andere Bereiche, wie Bildungspolitik oder die Energiedebatte, spielen für sie dagegen kaum eine Rolle. Da ihre Kinder längst erwachsen sind, haben sich ihre Prioritäten verschoben.
Trotz klarer Sorgen las Diana kein Wahlprogramm. Sie nutzte stattdessen den Wahl-O-Mat, ein digitales Programm, welches ihre politische Haltung nach wenigen Klicks definiert.. Ihre Entscheidung sei, so sagt sie, relativ eindeutig gewesen. Doch auf die Frage, warum sie genau diese Partei gewählt habe, kommt sie ins Stocken. Nach kurzem Nachdenken antwortet sie: „Es war eine Mischung aus Ablehnung anderer Parteien und Sympathie für die gewählte Partei.“ Besonders bezeichnend ist dabei, dass sie selbst zugibt, nicht sicher zu sein, ob die Partei ihre Interessen tatsächlich umsetzen kann.
„Es ist eher eine Hoffnung“, sagt sie. „Ich glaube nicht wirklich, dass sich großartig etwas ändern wird.“ Diana wählt also nicht, weil sie von einem Plan überzeugt ist. Sie wählt als Akt der Hoffnung in einem System, dem sie eigentlich misstraut. Ihre Entscheidung basiert somit weniger auf der Analyse der Inhalte, als einer Mischung aus Vertrauen und einem persönlichen Eindruck.
Dianas Verhalten ist für Tillmann Schröder von der Heinrich-Böll-Stiftung in Mainz nichts ungewöhnliches. „Die breiten Bevölkerungsmassen lesen Wahlprogramme schlicht nicht“, erklärt er. Nach seiner Einschätzung sind die Programme eher für eine spezialisierte Zielgruppe aus Parteimitgliedern, Journalisten und Wissenschaftlern geschrieben. Bei zwölf Parteien mit jeweils über 80 Seiten Programm kämen beinahe tausend Seiten Lesestoff zusammen, wofür die meisten einfach keine Zeit haben. Die Parteien halten an diesem Format zwar fest, doch für den Bürger verliert es an Bedeutung. Die Menschen orientieren sich stattdessen an anderen Informationsquellen: Medienberichten, Wahlkampagnen, Diskussionen im persönlichen Umfeld oder digitalen Angeboten wie dem Wahl-O-Mat.
„Wahlprogramme sind nur ein Teil des Wahlkampfs“, betont der Experte. „Sympathien, persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Debatten prägen Wahlentscheidungen oft stärker.“ Was Diana also als Überforderung und Intuition wahrnimmt, bestätigt der Experte als allgemeines Phänomen. Das Programm dient den Parteien zwar weiterhin als Kompass, doch im Kopf der Wählerinnen und Wähler findet die Entscheidung längst im emotionalen Raum statt.
Was die Daten zeigen
Um zu verstehen, warum die Wahlentscheidung oft an den Programmen vorbeigeht, haben wir die Wahlprogramme der vier im Landtag vertretenen Parteien systematisch untersucht. Dabei haben wir gezählt, wie häufig zentrale Themenbereiche vorkommen.
Besonders auffällig ist die SPD. Sie widmet Themen wie Bildung, Wirtschaft, Digitalisierung und Gesundheit deutlich mehr Raum als die anderen Parteien. Die Grünen setzen ihren klaren Schwerpunkt auf Klima und Umwelt. CDU und AfD betonen besonders Wirtschaft, Bürokratieabbau sowie kommunale Anliegen.
Schaut man dagegen auf die wichtigsten Themen der Wählerinnen und Wähler, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Bei den unter 35-Jährigen dominieren Wirtschaft und soziale Sicherheit die Prioritätenliste. Auch Bildung spielt eine wichtige Rolle. Klima und Umwelt landen dagegen deutlich weiter hinten. Bei den über 35-Jährigen sieht es ähnlich aus. Dort stehen Wirtschaft, Bildung und soziale Sicherheit ebenfalls ganz oben.
Die Daten zeigen damit einen interessanten Widerspruch: Die Schwerpunkte, die Parteien besonders stark betonen, stimmen nicht immer mit den Prioritäten und Lebensqualitäten der Wähler überein. Trotzdem erhalten diese Parteien ihre Stimmen. Noch deutlicher wird dies beim Blick auf Altersgruppen. Während die CDU bei Wählerinnen und Wählern über 25 Jahren besonders stark abschneidet, erzielt die AfD ihre höchsten Werte bei jüngeren Wählern. Gleichzeitig unterscheiden sich die politischen Prioritäten dieser Gruppen teilweise erheblich.
Das Ergebnis der Wahl am 22. März 2026
Bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am 22. März konnten Bürger über die Zusammensetzung des nächsten Landtags abstimmen. Die CDU wurde mit 31 Prozent stärkste Kraft, gefolgt von der SPD mit 25,9 Prozent. Die drittstärkste Kraft wurde die AfD mit 19,5 Prozent, gefolgt von den Grünen, die mit 7,9 Prozent als vierte Partei in den Landtag gewählt wurden. Alle weiteren Parteien, wie unter anderem die im letzten Landtag vertretene FDP und die Freien Wähler, verfehlten den Einzug in den Landtag deutlich.
Damit lagen Wahlergebnis und die Zustimmung für die Parteien vor der Wahl sehr nah beieinander. Vor der Wahl stimmten 29 Prozent der Aussage zu das die CDU die Probleme in Rheinland-Pfalz am ehesten lösen könnte. Für die SPD gaben dies 24 Prozent, die AfD 16 Prozent und für die Grünen sechs sowie die Linkspartei vier Prozent an. So ist die Differenz der Umfrage zum Ausgang der Wahl im Rahmen der statistischen Fehlertoleranzen und könnte darauf hinweisen das viele Menschen nach ihren Interessen gewählt haben.
Warum wählen Menschen gegen ihre Interessen?
Genau an diesem Punkt wird es kompliziert. Die Formulierung „gegen die eigenen Interessen wählen“ hält Schröder für problematisch. Denn sie basiert auf einer zu engen Definition dessen, was man unter “Interessen” versteht.
Was genau sind überhaupt die eigenen Interessen? Der Mensch ist kein ökonomischer Taschenrechner. Werte wie Sicherheit, Zugehörigkeit, Identität, Hoffnung oder auch Angst können genauso ausschlaggebend für die Wahlentscheidung sein. „Es kann sein, dass Menschen gar nicht die direkte Verbesserung ihrer Situation wählen, sondern das Gefühl, dass ihre Sorgen ernst genommen werden“, erklärt der Experte.
Oft spielen auch tief verwurzelte Ideologien eine entscheidende Rolle. Wähler sind häufig überzeugt, dass bestimmte politische Konzepte ihnen langfristig bieten – selbst wenn wirtschaftliche Analysen etwas anderes nahelegen.
Hinzu kommt der Faktor Vertrauen. Viele Wähler entscheiden nicht danach, welches Thema im Programm am häufigsten vorkommt. Sie wählen jene Partei, der sie zutrauen, ihre Versprechen einzuhalten. Das beschreibt exakt die Haltung von Diana. Für sie ist nicht entscheidend, ob ihr wichtigstes Anliegen in jedem zweiten Satz des Programms erwähnt wird. „Das allgemeine Gefühl zur Partei ist wichtiger.“
Mehr als nur Programmpunkte
Unsere Analyse zeigt: Wahlen funktionieren selten wie ein rationaler Abgleich von Interessen und Programmen. Natürlich spielen politische Inhalte eine Rolle. Doch mindestens genauso wichtig sind Vertrauen in die Partei, persönliche Erfahrungen, gesellschaftliche Debatten und die Frage, mit welcher Partei sich Menschen identifizieren.
Diana ist damit kein Einzelfall. Sie steht stellvertretend für viele Wählerinnen und Wähler in ganz Deutschland. Diese Beobachtung lässt sich nicht auf eine Wahl begrenzen und kann auf alle zukünftigen politischen Entscheidungen angewendet werden. Ob in Sachsen-Anhalt, im Bund oder bei anderen Landtagswahlen: Die Diskrepanz zwischen den inhaltlichen Versprechen auf dem Papier und den emotionalen Bedürfnissen wird zur Normalität. Für zukünftige Wahlen bedeutet das eine enorme Herausforderung, denn diese Repräsentations-Krise lässt sich nicht durch noch mehr Zahlen, Tabellen oder hölzerne Wörter beheben. Die Parteien stehen viel mehr vor der Herausforderung, die zu den Sorgen und Hoffnungen der Menschen passt.
In der Zukunft wird eine Partei nicht mehr nur daran gemessen werden, wie ausführlich ihr Programm geschrieben ist, sondern daran, ob sie dem Wähler das Gefühl gibt, dass er in einer Zeit der rasanten Veränderungen noch vorkommt.
Ein letzter Blick auf Diana
Auch nach unserer Auswertung bleibt Diana bei ihrer Entscheidung. Einige Ergebnisse haben ihr Bild zu den Parteien sogar bestätigt. Außerdem findet sie ihre Prioritäten in den Programmen teilweise wieder. Doch die Zahlen waren nie der entscheidende Faktor. Ihre Wahl war kein Ergebnis einer datenbasierten Analyse, sondern basierte auf Vertrauen.
Ob sich ihr Vertrauen bewährt, lässt sich heute nicht sagen.
Diana blickt zwar nicht mit Reue auf ihre Wahlentscheidung zurück, doch sie lässt die Frage nicht los, die sich heute wohl mehr Menschen stellen als je zuvor: Wählt man eine Partei wegen ihrer Inhalte oder weil man sich von ihr verstanden fühlt? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht.
Über unser Projekt
Wir sind Cheyenne Dittrich, Mira Citli und Melvin Otto und studieren Journalismus im Bachelor an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Auf das Thema sind wir aufmerksam geworden, da ein Gruppenmitglied aus dem Bundesland Rheinland-Pfalz stammt – So hatten wir zuallererst eine regionale Schnittstelle. Zum anderen interessiert es uns im Kontext von Wahlen wie es sein kann das Wählende gegen ihre eigenen Interessen abstimmen.
Die Quellen für die Grafiken findet ihr direkt in den Verlinkungen. Für die Wahlprogramme haben wir die Programme der Parteien(CDU, SPD, AfD & Grüne) nach verschiedenen Begriffen, die in Umfragen zu den wichtigsten Problemen erwähnt wurden, analysiert.
Bei Fragen zu dieser Story könnt ihr euch gerne unter folgender E-Mail Adresse melden: melvin.otto@stud.h2.de