von Morten Klaebe und Alina Grützke

Rodel- und Bobsport in Sachsen-Anhalt
wenige Mitglieder – große Erfolge
das Potenzial kleiner Verbände
Foto: Eibner / IMAGO Images
Sachsen-Anhalt ist nicht gerade als Land des Wintersports bekannt. Aber hätten Sie gedacht, dass Sachsen-Anhalt eines von neun Bundesländern mit einem eigenen Landesfachverband für Rodel- und Bobsport ist? Und mit Thorsten Margis und Alexander Schüller zählt der Verband sogar zwei Olympiasieger von 2022 zu seinen Mitgliedern.
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In dieser Data Story blicken wir auf den Rodel- und Bobsportverband Sachsen-Anhalt e.V. (RBSV) und seine Mitglieder, als einer der mitgliederschwächeren Landesfachverbände des Landessportbundes Sachsen-Anhalt e.V. (LSB).
Obwohl sie in einem Landesfachverband in Sachsen-Anhalt zusammengefasst werden, unterscheiden sich Rodel- und Bobsport voneinander.


Rodeln
Beim Rennrodeln fahren die Athleten auf dem Rücken liegend, mit den Füßen voran auf einem Schlitten eine Eisbahn hinunter. Gelenkt wird mit dem ganzen Körper.
Bob
Beim Bobsport nehmen die Athleten aus einer stehenden Position heraus Anlauf und gleiten dann in einer sitzenden Position in den Schlitten hinein. Im Bobsport wird mit Seilen gelenkt.

Warum gibt es den Verband?
Der Rodel- und Bobsport in Sachsen-Anhalt hat eine lange Tradition. Seit Ende des 19. Jahrhunderts gibt es den Rodel- und Bobsport in der Region Harz in Sachsen-Anhalt. Der Leiter der Geschäftsstelle des Rodel- und Bobsportverbandes (RBSV), Jörg Augustin, erklärt: „Der Schierker Verein (heute: Schierker Rodel- und Bobsportverein 1908 e.V.) gehört zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Spitzenverbandes.“. Der Bob- und Schlittenverband für Deutschland e.V. (BSD) wurde im Jahr 1911 gegründet.
Laut der Mitgliederstatistik des Landessportbundes aus dem Jahr 2023 hatte der Rodel- und Bobsportverband Sachsen-Anhalt (RBSV) im Jahr 2023 insgesamt 244 Mitglieder. Im großen Gegensatz dazu steht die Mitgliederzahl des Fußballlandesverbandes Sachsen-Anhalt (FSA) aus dem Jahr 2023. Der Fußballlandesverband hatte im Jahr 2023 95.541 Mitglieder und war damit der mitgliederstärkste Landesfachverband im Landessportbund Sachsen-Anhalt.
In der weiteren Betrachtung dieser Mitgliederstatistik des LSB fällt auf, dass der Rodel- und Bobsportverband mit seinen 244 Mitgliedern im Jahr 2023 zu den sechs Landesfachverbänden mit der geringsten Mitgliederzahl gehörte. Im Vergleich dieser Landesfachverbände nach der Mitgliederzahl belegt er den zweiten Platz. Lediglich der Landes-Seesportverband kann in dem Vergleich eine größere Mitgliederzahl aufweisen.
Im Vergleich zu 2023 sind die Mitgliederzahlen im Rodel- und Bobsportverband Sachsen-Anhalt auf 162 Mitglieder gesunken. Das liegt laut Jörg Augustin wahrscheinlich daran, dass in der Region lange Zeit keine eigene Trainingsstätte vorhanden war und Sportler um trainieren zu können einen großen Aufwand und weite Wege auf sich nehmen mussten. Aktuell sei man dabei, besonders die Sportart Rodeln in Sachsen-Anhalt wieder „aufzubauen”. Dies gestaltet sich jedoch als „schwieriger und langwieriger Prozess”, wie uns Jörg Augustin mitteilte. Die Sportart ist in Sachsen-Anhalt noch zu unbekannt, obwohl Spitzensportler aus der Region in den Medien sehr präsent sind.
Ein zweifacher Vize-Weltmeister im Fokus
Jemand, der sehr erfolgreich im Rodelsport aktiv war, ist der ehemalige Athlet Hans-Jürgen Neumann vom BRC Ilsenburg. Der zweimalige Vize-Weltmeister aus den Jahren 1974 und 1975, der für die BSG Stahl Ilsenburg und den ASK Vorwärts Oberhof im Eiskanal unterwegs war, äußert sich mit klaren Worten, wenn es um den Landesfachverband geht: „Nur ein Landesfachverband kann die Interessen der Sportler und Sportlerinnen sowie der ehrenamtlichen Mitarbeiter und Helfer durchzusetzen.“ Außerdem fügt er an: „Die Aktiven benötigen ein Einstieg in Ihrer Umgebung, um dann bei Eignung an den Hochleistungszentren weiter zu trainieren.“
Ab dem Jahr 1977 durchlief Neumann mehrere Trainerstationen. Der ehemalige international erfolgreiche Rodler war von 1977 bis 1980 Nachwuchstrainer beim ASK Vorwärts Oberhof, 1980 bis 1988 Bezirkstrainer in Magdeburg und von 1988 bis 1990 Verbandstrainer der 1. Förderstufe. Bei seinen absolvierten Trainerstationen war er dann jeweils für die Umsetzung des Trainings- und Wettkampfprogrammes für die Kinder der 1. Förderstufe und das Grundlagentraining verantwortlich.
Der Sport deutschlandweit
Insgesamt hat der Bob- und Schlittensport in Deutschland, laut der „Bestandserhebung 2025“ des Deutschen Olympischen Sportbundes e.V. (DOSB) 6.302 Mitglieder, welche sich unterschiedlich auf die Bundesländer verteilen.
Dabei spielt unser Bundesland eine größere Rolle, als man vielleicht zuerst denken würde.
Sachsen-Anhalt ist eines von neun Bundesländern mit einem eigenen Landesfachverband für Rodel- und Bobsport. Gerade mal 2,44 % aller Mitglieder dieser Verbände sind in Sachsen-Anhalt tätig. Damit liegt unser Bundesland mit 162 Mitgliedern nur auf Platz sieben von neun. Lediglich Hessen (131) und Brandenburg (71) hatten 2025 weniger Mitglieder.
Und trotzdem ist es essenziell, dass dieser Landesfachverband in Sachsen-Anhalt existiert, wie uns Jörg Augustin (RBSV) mitteilte. Größere Landesfachverbände mit eigenen Bahnen im Bundesland (wie Thüringen oder Bayern) sind auf die Mit- und Zuarbeit von Sachsen-Anhalt angewiesen.
Der Reiz am Rodel- und Bobsport
Auch wenn der Rodel- und Bobsport in Deutschland unterschiedlich verteilt ist, spielen schlussendlich Motivation und der Reiz, den Rodel- und Bobsport auszuüben für die Athleten die größte Rolle.
Hans-Jürgen Neumann sieht den Reiz des Rodelns darin, dass die Sportart „das vielseitige, allgemeine Training, Verbundenheit im Team, erlebnisreiche Trainingslager und Wettkämpfe auf unterschiedlichsten Eiskanälen“ biete. Für Neumann, der sagt, dass man „durch gutes Training und der erlernten Fähigkeiten sowie der systematischen Heranführung“ Respekt vor der Abfahrt bekommt aber keine Angst entwickle, macht „das Zusammenspiel zwischen Bahn, Schlitten und der eigenen Fähigkeit, alles zu beherrschen“ das Rennrodeln besonders. Diese Freude, die er beim Rennrodeln fühlte, empfand er am stärksten auf seiner Lieblings- und Heimbahn, der Kunsteisbahn in Oberhof.
Wintersportler werden im Sommer gemacht
Rodel- und Bobsport sind Wintersportarten. Dementsprechend könnte man vielleicht glauben, das Training der Athleten findet nur im Winter statt. Doch der Grundstein für die Erfolge im Winter wird im Sommertraining gelegt.
Neben den Kunsteisbahnen in Altenberg, Oberhof, Winterberg und am Königssee, auf denen im Winter Weltcuprennen stattfinden gibt es auch Anschubbahnen für das Sommertraining der Bobsportler*innen. Auf diesen Bahnen fahren Athlet*innen auf Schienen statt auf Eis – um dort voranzukommen haben die „Bobs“ Rollen statt Kufen.
Eine dieser Anschubbahnen (s. Bilder rechts) befindet sich im Magdeburger Stadtteil Cracau direkt am Leichtathletikstützpunkt des Mitteldeutschen SC neben der Avnet-Arena. 2021 wurde die Bahn nach dreimonatiger Bauzeit fertiggestellt und bietet seitdem Athlet*innen in der Region ideale Trainingsvoraussetzungen. Ihr Gefälle von zwölf Prozent macht sie in Deutschland einzigartig. Durch den Bau der Bahn müssen Athlet*innen aus Sachsen-Anhalt nicht mehr den weiten Weg nach Oberhof auf sich nehmen, um im Sommer zu trainieren.


Laut Jörg Augustin (RBSV) ist die Magdeburger Bahn „eine der Besten, da sie aufgrund ihres Profils und der technischen Ausstattung hervorragend ist.“ Dazu käme noch die gute Betreuung durch Biomechaniker und Sportmedizin, die den Standort Magdeburg bundesweit interessant machen. Auch Athlet*innen aus anderen Bundesländern zieht die Bahn nach Magdeburg. Olympionikin Talea Prepens kommt ursprünglich aus Hannover, aber trainiert seit 2025 in Magdeburg.
Auch Schierke ist inzwischen bei Nachwuchssportlern aus ganz Deutschland gefragt, so Augustin. Dort gibt es seit 2021 eine Rodelbahn für das Sommertraining. Die 300m-lange Betonbahn sorgt dafür, dass „ein langsamer Aufbau dieser Sportart“ in der Region wieder möglich ist, erklärt Jörg Augustin.
Olympische Winterspiele 2026
Dass sich das Training der Rodel- und Bobsportler in Sachsen-Anhalt auszahlen kann, zeigt sich daran, dass 5 Athlet*innen aus Sachsen-Anhalt bei den Olympischen Spielen in Mailand / Cortina d’Ampezzo (6. – 22. Februar) dabei waren.





Thorsten Margis
SV Halle
Bobteam Lochner
Alexander Schüller
SV Halle
Bobteam Friedrich
Tim Becker
SC Magdeburg
Bobteam Friedrich (Ersatz)
Talea Prepens
SC Magdeburg
Bobteam Kalicki
Toni Eggert
BRC Ilsenburg
Doppelsitzer Rodeln
Anschieber Thorsten Margis wurde im Viererbob mit seinem Piloten Johannes Lochner, sowie den anderen Anschiebern Jörn Wenzel und Georg Fleischhauer Olympiasieger. Anschieber Alexander Schüller und Pilot Francesco Friedrich mussten sich sowohl im Zweier- als auch im Viererbob geschlagen geben und reisten mit zwei Silbermedaillen aus Cortina ab. Kim Kalicki und ihre Anschieberin Talea Prepens verpassten mit Platz vier im Zweierbob knapp eine Medaille, genau wie Rodler Toni Eggert und sein Doppelsitzer-Partner Florian Müller. Anschieber Tim Becker vom SC Magdeburg kam bei diesen Winterspielen nicht zum Einsatz.
Fazit
Kleine Landesfachverbände wie der Rodel- und Bobsportverband Sachsen-Anhalt haben trotz weniger Mitglieder viel Potenzial. Oft haben die Vereine eine lange Tradition und bringen sogar Spitzensportler und Olympioniken hervor. Auch wenn sie im bundesweiten Vergleich nur wenige Mitglieder aufweisen, sichern sie die Vielfalt des Sports im Land. Ihre Stärken liegen im großen Engagement der Aktiven, sowie in den Trainingsmöglichkeiten, durch welche Talente in der Region gefördert werden können. Kleine Verbände bieten wichtige Entwicklungschancen, wodurch deutlich wird, dass sie mehr leisten, als ihre Mitgliederzahlen vermuten lassen.
Über die Autoren
Morten Klaebe (22) studiert im fünften Semester Journalismus in Magdeburg. Sport bestimmt ein Großteil seines Lebens. Er ist im Karatesport und in der Leichtathletik aktiv. Außerdem hat er ein starkes Interesse für Fußball und hofft, später auch im Sport arbeiten zu können.
Alina Grützke (21) studiert ebenfalls im fünften Semester Journalismus in Magdeburg. Sport bildet den Schwerpunkt ihres Interesses, insbesondere Handball und Wintersport. Nach dem Studium in Magdeburg strebt sie eine Laufbahn im Sportjournalismus an.
Sie haben Fragen zu unserer Story? Melden Sie sich gerne unter den E-Mail-Adressen: alina-gruetzke@outlook.com, morten.klaebe@stud.h2.de
Quellen
Coverbild: Eibner / IMAGO Images
Bild Rennrodeln: Steffen Prößdorf
Bild Bobsport: Finney / Getty Images
Fernaufnahme Bobanschubbahn Magdeburg: Ivar Lüthe / Magdeburger Volksstimme
Nahaufnahme Bobanschubbahn Magdeburg: Dennis Schubert / Radio Brocken
Grafiken wurden mit Datawrapper, Canva und Google My Maps erstellt.
Informationen von:
– Jörg Augustin (Leiter der Geschäftsstelle des Rodel- und Bobsportverbandes Sachsen-Anhalt e.V.)
– Hans-Jürgen Neumann (BRC Ilsenburg)
– Mitgliederstatistik 2023 Landessportbund Sachsen-Anhalt
– Landessportbund Sachsen-Anhalt e.V.
– Bestandserhebung 2025 des Deutschen Olympischen Sportbundes (Fassung vom 10. Dezember 2025)