Sachsen-Anhalt und das Phänomen Nichtwahl

Wer steckt hinter den Nichtwähler:innen?

Autor:innen: Carolin Neimke, Tim Winde, Cathrin Laara Brand

Quelle: sueddeutsche.de

Es ist der Sonntagmorgen einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Während der Gang zum Wahllokal in vielen Haushalten als Möglichkeit der demokratischen Mitbestimmung angesehen wird, bleibt ein bemerkenswert großer Teil der Wahlberechtigten zuhause. Hinsichtlich der Landtagswahlen 2026 wird über das Bundesland häufig im Zusammenhang mit einem voraussichtlichen AFD-Stimmenanteil von 41% (Stand: 24.7.2026 Quelle: INSA, repräsentative Umfrage im Auftrag von FOCUS online) berichtet. Doch hinter den Schlagzeilen der Wahlprognosen bleibt eine Entwicklung häufig unbeachtet: Jene der Nichtwähler:innen. Wer steckt hinter den Menschen, die sich gegen eine Wahlbeteiligung entscheiden?

Wahlbeteiligung der Landtagswahlen seit 1990

Wenn man das Phänomen Nichtwahl genauer beleuchten möchte, muss man sich zunächst die Entwicklung der Wahlbeteiligung in Sachsen-Anhalt anschauen. Uber die Jahrzehnte gab es große Schwankungen. So verzeichnete sich im Jahr 1998 die niedrigste Nichtwähler:innenquote mit gerade einmal 29,7%. Sieht man sich das Jahr 2006 an, stellt man fest: eine niedrigere Wahlbeteiligung bei Landtagswahlen gab es noch nie. Weniger als die Hälfte aller Wahlberechtigten entschieden sich dafür eine Stimme abzugeben. 59,5%, also fast 3 von 5 Menschen blieben der Wahlurne bei diesen Landtagswahlen fern. Den niedrigsten Wert erreichte die Nichtwähler:innenquote im Jahr 1998 mit 29,7%. Die Anzahl der Nichtwählenden verläuft also nicht linear. Zwar ist sie seit 2006 gesunken, blieb seitdem aber konsequent hoch bei um die 40%.

Wie vielfältig die Menschen sind, die am Wahlsonntag keinen Weg zum Wahllokal erledigen, untersuchten bereits 2015 Prof.Dr. Everhard Holtmann und Dipl.Soz. Tobias Jaeck am Zentrum für Sozialforschung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ihr Ergebnis:

„Den typischen Nichtwähler oder die typische Nichtwählerin gibt es so nicht“

Everhard Holtmann

Obwohl sich die politische Lage seit 2015 verändert hat, sagt Jaeck, dass zentrale Elemente der Forschung weiterhin aktuell seien. Demnach gäbe es nach wie vor verschiedene Typen, nach denen Nichtwähler:innen eingeteilt werden könnten.

4 Typen von Nichtwähler:innen

Dauer-Nichtwähler:innen haben sich an allen jüngeren Wahlen nicht beteiligt. Sie nehmen mit rund 21 % der Nichtwählenden ein. In ihrer Nichtwahl sind sie seit mehreren Jahren gefestigt.

Partielle Nichtwähler:innen nehmen nur an einem Viertel bis hin zur Hälfte aller Wahlen teil. Sie lassen häufig Nebenwahlen, wie Kommunal- oder Europawahlen weg und nehmen rund 14% der Nichtwählenden ein.

Sporadische Nichtwähler:innnen haben lediglich eine der letzten 4 Wahlen versäumt. Meist handelt es sich um die oft als weniger wichtig wahrgenommene Europawahl

Bei Erst-Nichtwähler:innen handelt es sich entweder um bisherige Nichtwähler:innen, die

Erst-Nichtwähler:innen sind entweder bisherige Wähler:innen, die sich erstmals abwenden oder Erst-Wählende, die vorraussichtlich nicht an der nächsten Wahl teilnehmen werden.

Jaeck betont, dass die Nichtwahl mittlerweile eher als Ausdruck von Kritik am politischen System und wenig als reines Desinteresse verstanden werden sollte. Er vermutet sogar, dass die Anzahl der Nichtwähler:innen künftig geringer werden könnte, da sich ein teil der früheren Nichtwähler der AfD zugewandt hätte. Das Interesse an Wahlen im allgemeinen habe sich seit 2015 verschoben.

Die Einordnungen Tobias Jaecks und Everhard Holtmanns bieten eine theoretische Perspektive für mögliche Hintergründe. Doch Spiegeln sich diese auch in den Erfahrungen und Beweggründen von nichtwählenden Personen wider?

3 Nichtwähler erzählen:

„Ich würde ja gerne wieder wählen gehen, nur dazu sollte das Angebot nicht meinen Intellekt beleidigen.“

-Markus D., 52 Jahre, lebt seit 1999 in Magdeburg

Mit dieser Aussage antwortet Markus D. auf unsere Nachfrage, ob er eine seine Teilnahme an einer Wahl zukünftig konsequent ausschließt. Seit über 26 Jahren lebt er nun schon in Sachsen-Anhalt, genauer gesagt in Magdeburg. Nichtwähler ist der 52-Jährige jedoch nicht schon immer. Als entscheidenden Punkt, an dem er aufgehört hat zu wählen, nennt er den Beginn des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine. Dieses Ereignis bezeichnet er als „sprichwörtlichen Punkt des Abschalten“. Sein Vertrauen in die Politik begann er jedoch schon 2009 mit der Finanzkrise zu verlieren. Weiter schwindete es dann mit der deutschen Migrationspolitik ab 2015 und dem Umgang mit der Corona-Pandemie 2020. „Ich kann keine Partei wählen, weil ich den Sinn nicht mehr erkennen kann.“ sagt er. Markus D. ist nicht politisch desinteressiert, im Gegenteil. Er verfolgt die politischen Ereignisse Deutschlands und weltweit nach eigenen Angaben immer noch interessiert.

Doch Nichtwahl ist nicht nur ein Phänomen der Generation Boomer. Auch in der Gen-Z führen verschiedenste Gründe dazu, nicht an Wahlen teilzunehmen.

Joshua R. (29 Jahre) und Leon T. (25 Jahre) fehlt beiden das Vertrauen in die Politik- ihre Beweggründe unterscheiden sich jedoch. Joshua stellt vor allem das System Demokratie in Frage. Er sagt „Politik ist für mich ein großes Schauspiel“. Er glaubt nicht, dass Parteien wirklich die Interessen der Bürger vertreten würden und dass sich durch die Teilnahme an einer Wahl wirklich etwas ändert. Laut Joshua gebe es in Deutschland keine echte Demokratie.

Leon hingegen sieht trotz seiner Nichtwahl auch Parteien, die in Ansätzen seine politische Meinung vertreten. Er habe sich durch den jahrelangen Einfluss seines sozialen Umfelds dazu entschieden, sich nicht mehr politisch zu engagieren. „Ich glaube, dass dieses System kaputt ist“ sagt der gebürtige Magdeburger. Auch er sieht die Ursache für seine Nichtwahl in Enttäuschung und nicht in Desinteresse.

Dass Nichtwahl ein generationenübergreifendes Phänomen ist, zeigt ein Blick in die Daten.

Vom älteren zum jüngeren Nichtwähler

Aus den Daten des Statistischen Landesamts Sachsen-Anhalt geht hervor, dass über die Jahre hinweg vor allem besonders junge und besonders alte Wahlberechtigte nicht zur Wahl gehen. In diesem Kapitel konzentrieren wir uns auf die Entwicklung der Nichtwähler:innen in den Altersgruppen 18-21 Jahre und 60-70 Jahre

Schaut man sich die Entwicklung der Altersstruktur der Nichtwähler:innen der Landtagswahlen Sachsen-Anhalt an, erkennt man, dass zunächst eher ältere Menschen nicht gewählt haben. Die Altersgruppe der 60-70 Jährigen blieben nach den Wendejahren am häufigsten der Wahl fern. Im Jahr 1994 wählten 69,5% dieser Altersgruppe nicht. Höhepunkt der Nichtwahl war die Landtagswahl eine Wahlperiode später mit knapp 80%. Über die Landtagswahlen 2002 bis 2006 sank die Anzahl auf rund 59%. Ein Anstieg ließ sich zuletzt wieder im Jahr 2016 verzeichnen. bei der letzten Landtagswahl 2021 fiel die zahl das erste mal auf unter 50% mit rund 44%.

Während ältere Nichtwählende früher die größte Gruppe unter den Wahlabstinent:innen bildeten, zeigt sich heute ein anderes Bild: Bei den 18-21-Jährigen lag der Anteil der Nichtwähler:innen im Jahr 1994 bei 36,9%. In der Wahl darauf verdoppelte er sich zwar fast, sank dann bis 2011 jedoch wieder. Seit 2016 steigt die Prozentzahl der jungen Nichtwählenden deutlich und überholte bei der letzten Wahl 2021 sogar den Anteil der 60-70-Jährigen mit 55,9%.

Nichtwähler:innen sind also nicht einer bestimmten Altersgruppe zuzordnen,auch, wenn die Zahl der jungen Nichtwählenden steigt. Auch Tobias Jaeck bestätigt, dass Nichtwähler:innen zuletzt meist jünger seien. Zudem sagt er, würden sie oft bildungsfern sein. jedoch gilt:

Nichtwahl ist keine Frage des Geschlechts

Während bei der Altersstruktur große Unterschiede zu erkennen sind, verhält sich die Anzahl der Nichtwählenden unter dem Aspekt der Geschlechter recht ausgeglichen. Bei fast allen Landtagswahlen Sachsen-Anhalts läuft die Entwicklung der Nichtwahl bei Mann und Frau parallel. Im Jahr mit der niedrigsten Wahlbeteiligung, 2006, lag der Anteil der Frauen bei 60,1% und jener der Männer bei 58,9%. Auch im Jahr 2021 lag der Anteil der Frauen mit 50,8% leicht über dem der Männer.

Doch in welchen Gebieten Sachsen-Anhalts finden sich die meisten Nichtwähler:innen wider? Eine Erhebung der Landtagswahlen 2021 zeigt:

Wo Nichtwahl in Sachsen-Anhalt besonders hoch ist

Der Blick auf die Karte verrät: Die Nichtwähler:inenquote in Sachsen-Anhalt unterscheidet sich bei der Landtagswahl 2021 in den verschiedenen Wahlkreisen deutlich. Besonders große Unterschiede zeigen sich in Halle (Saale): Während Halle 3 mit 27,4% die niedrigste Nichtwählerquote aufweist, verzeichnet Halle 1 mit 47,6% den höchsten Wert im Bundesland. Auch in ländlichen Wahlkreisen ist der Anteil der Nichtwähler:innen teilweise sehr hoch. Etwa in Staßfurt (46,6%) und Eisleben (41,4%). Nichtwahl ist also kein Phänomen der Stadt oder vom Land. Beispielsweise fällt der Anteil im Saalekreis deutlich geringer aus mit 33,9%. Insgesamt zeigt sich, dass die Nichtwahl in Sachsen-Anhalt zwar stark regional geprägt ist, aber keinen eindeutigen Trend aufweist. Nichtwahl hat laut der erhobenen Daten von 2021 in Sachsen-Anhalt also keinen festen Ort.

Fazit

Die Frage „Wer steckt hinter den Nichtwähler:innen Sachsen-Anhalts?“ lässt sich nicht eindeutig beantworten. Viel mehr lassen sich Aspekte erkennen, die mehr oder weniger ausschlaggebend zu einer Nichtwahl führen. Während das Geschlecht kaum darüber entscheidet, zeigen sich im zeitlichen Verlauf Zusammenhänge mit dem Alter der Nichtwählenden. Gerade jüngere Wahlberechtigte entschieden sich in den letzten Wahlen dazu, keine Stimme abzugeben. Gründe dafür lassen sich in den Interviews mit beispielsweise Joshua und Leon erkennen. Sie zeigen das, was Prof.Dr. Everhard Holtmann und Dipl.Soz. Tobias Jaeck ebenfalls theoretisch festgehalten haben: Unzufriedenheit mit der Politik ist ein häufigerer Grund zur Nichtwahl als reines Desinteresse. Die Unterteilung in die 4 Typen der Nichtwählenden verdeutlicht ebenfalls: Nichtwähler:in ist nicht gleich Nichtwähler:in. Viel mehr handelt es sich um eine Entscheidung basierend auf individuellen Erlebnissen als um ein Schema an Mensch. Hinsichtlich der anstehenden Landtagswahl 2026 kann in den Worten Everhard Holtmanns aus dem Jahr 2016 gesagt werden:

„Grundsätzlich gründet eine lebendige Demokratie auf einer möglichst hohen Wahlbeteiligung möglichst aller Schichten der Bevölkerung. Sonst besteht die Gefahr, dass sich schon an der Wahlurne die Interessen bestimmter Bevölkerungsgruppen (…) durchsetzen.“ – Everhard Holtmann, Interview mit der Landeszentrale für politische Bildung 2016

Kontakt: carolin.neimke@stud.h2.de

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