Von Miriam Hätscher, Alana Oppermann und Paula Weber

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Noch vor 15 Jahren dominierten die CDU und Linke große Teile der politischen Landkarte Sachsen-Anhalts. Heute sieht das anders aus. Mit 41 % wurde im Mai prognostiziert, dass die Alternative für Deutschland (AfD) die Landtagswahlen im September diesen Jahres für sich entscheiden wird. Voraussichtlich wird die Ära der CDU an der Spitze der Landesregierung zu Ende gehen.


2011 war noch die Linke zweitstärkste Kraft in vielen Teilen Sachsen-Anhalts, die CDU mit Abstand die Stärkste. Doch über die Jahre haben sie immer mehr an Stimmen verloren. Im Gegensatz dazu war die AfD bei der letzten Bundestagswahl die stärkste Kraft in vielen Landkreisen Sachsen-Anhalts.


Besonders deutlich wird der Wandel der letzten 15 Jahre außerhalb der großen Städte. Während die AfD in den Großstädte Halle (Saale) und Magdeburg „nur“ 25,4 % beziehungsweise 28,0 % der Zweitstimmen bei der letzten Bundestagswahl erhielt, beliefen sich die Ergebnisse in der kreisfreien Stadt Dessau-Roßlau auf 32,9 % und in allen anderen Landkreisen Sachsen-Anhalts stets auf über 35 %. Die Linke hingegen schnitt in den Großstädten mit 17,4 % beziehungsweise 14,3 % ab. In Dessau-Roßlau konnte sie sich 10,8 % der Stimmen sichern. Auch auf dem Land, d.h. in den Landkreisen, konnten sie nur etwa um – tendenziell sogar eher unter – 10 % erreichen. Ein Unterschied zwischen Stadt und Land ist deutlich erkennbar.
Doch Wahlergebnisse allein erzählen nur einen Teil der Geschichte. Hinter jeder Zahl stehen Menschen mit Hoffnungen, Frust und unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie Politik funktionieren sollte.
Deshalb machen wir uns auf den Weg. Unsere Route führt uns von der Landeshauptstadt Magdeburg nach Dessau-Roßlau, Halle (Saale) und in den Landkreis Mansfeld-Südharz. Alle drei sind Orte, die bei der Bundestagswahl 2025 auf unterschiedliche Weise auffielen. Während Dessau-Roßlau den höchsten AfD-Stimmenanteil unter den kreisfreien Städten verzeichnete, erreichte Die Linke in Halle ihr bestes Ergebnis im Bundesland. Mansfeld-Südharz wiederum war der Landkreis mit dem höchsten AfD-Ergebnis in Sachsen-Anhalt.
Wir wollen wissen, was die Menschen vor Ort bewegt. Können Gespräche erklären, was die Gründe für diese Entwicklungen sind und wie sich das Verhältnis vor allem an den politischen Rändern entwickelt hat? Wie hat sich aus Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner die politische Lage und das Leben in Sachsen-Anhalt in den letzten 15 Jahren verändert? Sehen die Menschen vor Ort auch einen Unterschied zwischen der Stadt und dem Land?
Dessau-Roßlau: Ein leere Stadt mit skeptischen Stimmen
Unser erster Stopp ist die Stadt Dessau-Roßlau. Mit 32,9 % war hier bei der Bundestagswahl 2025 die AfD die stärkste Kraft. In keiner anderen kreisfreien Stadt in Sachsen-Anhalt hat die AfD so viel Prozent der Stimmen erzielt. Wir wollen wissen, was die Menschen in der Stadt bewegt, was sie eine Partei wählen lässt, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft ist.
Als wir gegen Mittag in Dessau-Roßlau ankommen, ist es erstaunlich leer auf den Straßen. Dabei befinden wir uns im Stadtzentrum in der Nähe der Rathaus Passage. Vor besagtem Einkaufszentrum treffen wir eine Frau. Sie verrät uns weder ihren Namen noch ihr Alter, aber wie wir aus dem Verlauf unseres kurzen Gesprächs entnehmen können, ist sie Rentnerin. Als wir sie auf die Entwicklungen in der Stadt und auch im Land Sachsen-Anhalt ansprechen, sagt sie, dass sie es verstehen könne, warum so viele Menschen mittlerweile die AfD wählen.

Sie habe das Gefühl, dass Altparteien wie die CDU oder SPD „selbst schuld“ seien, wenn sie an Stimmen verlieren. Der Stimmverlust lässt sich in den letzten 15 Jahren deutlich sehen. Die einstige Vorherrschaft der CDU in Sachsen-Anhalt ist zu Ende. Sie wurde von der AfD entthront.
Dennoch ist die Rentnerin überzeugt, dass die CDU nicht schlecht sei. Aber nur mit Blick auf Sachsen-Anhalt verdeutlicht sie. Auf die Nachfrage, ob sie denn mit der Bundespolitik zufrieden sei, folgt ein klares „Nein“.
Besorgt sei sie beim Gedanken an ihre Enkelkinder und ihre Möglichkeiten, einen Arbeitsplatz zu finden, durch den erhöhten Stellenabbau in verschiedenen Branchen. Auch mit dem Blick auf junge Familien schaut sie mit Sorge in die Zukunft. Zum Zeitpunkt wurde die Reform des Gesundheitssystems noch diskutiert, mittlerweile ist sie verabschiedet. „Es ist eine Schande für diejenigen, die es sich nicht leisten können, die Leistungen privat zu bezahlen“, erklärt sie deutlich.
Die Frau, mit der wir sprechen, äußert auch das Gefühl, dass ihrer Ansicht nach linksgerichtete Parteien wie die Grünen oder Die Linke „nichts mehr sagen wollen“, um sich nicht angreifbar zu machen. „Die AfD sagt viel, aber was sie später umsetzen, ist eine andere Frage.“ Also von ihr kein klares Bekenntnis für oder gegen die AfD. Nur ein sehr kritischer Blick auf die politische Lage als Ganzes.
Zur Veranschaulichung der Entwicklung der letzten 15 Jahre in Dessau-Roßlau haben wir uns als Beispiel die äußeren Ränder des Parteienspektrums ausgesucht. Bei der Landtagswahl 2011 erreichte Die Linke 24 Prozent, die AfD stand zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht zur Wahl, da die Partei erst zwei Jahre später gegründet wurde. Bei ihrer ersten Wahl in Sachsen-Anhalt, der Landtagswahl 2016, erreichte die AfD prompt 22,2 Prozent, also fast so viele wie ihr politischer Gegensatz bei der Wahl zuvor.

Wenn wir in die darauffolgenden Jahre schauen, stellen wir fest, dass Die Linke immer mehr an Stimmen verliert und sich die AfD in einem Aufwärtstrend bewegt. Bei der vergangenen Bundestagswahl erreichte die in Sachsen-Anhalt als rechtsextrem eingestufte Partei, wie eingangs erwähnt, fast 33 % der Stimmen. Das ist über ein Drittel mehr als bei ihrer ersten Wahl, der Landtagswahl 2016. Die Linke hingegen hat im Vergleich zur Landtagswahl 2011 und der Bundestagswahl 2025 mehr als die Hälfte ihrer Stimmen verloren.
Wir haben zu dieser Entwicklung den Bürgermeister der Stadt nach einer Einordnung angefragt, allerdings ohne Rückmeldung.
Nach dem ersten Gespräch machen wir uns auf die Suche nach einer weiteren Stimme. Gerne hätten wir mit Personen in unserem Alter gesprochen, die sind jedoch in der sowieso schon wie leer gefegten Stadt rar gesehen.
Stattdessen treffen wir Bärbel Starke. Sie ist 87 Jahre alt und gerade auf dem Weg, Kuchen für ihren Geburtstag zu kaufen. Sie erzählt uns gleich am Anfang, dass sie nicht an Politik interessiert sei. Mit einem Lachen erzählt sie jedoch: „Die AfD ist jeden Montag hier und da mache ich erstmal die Balkontür zu.“ Es seien zwar nicht viele Leute, die sich montags auf dem Platz vor ihrem Wohnblock in der Nähe des Rathauses versammeln, doch sehr lautstark seien sie allemal. Auch von Randalen durch Jugendliche in ihrem Haus erzählt sie.
„Die AfD ist jeden Montag hier und da mache ich erstmal die Balkontür zu.“
Bärbel Starke, 87
Während unseres Gesprächs mit der 87-Jährigen läuft der Bürgermeister der Stadt an uns vorbei. Vertieft in ein Gespräch mit einem anderen, uns unbekannten Mann, auf dem Weg in die Mittagspause. Im Nachhinein stellten wir unter uns noch einmal fest, dass es wirklich spannend wäre, eine Einschätzung von politisch Verantwortlichen der Stadt zu bekommen, aber das Mittagessen ist natürlich mindestens genauso wichtig.
Zum Abschluss des Gesprächs erklärt uns Bärbel Starke, dass sie sich eine Veränderung ins Positive wünscht. Als Beispiel hierfür nennt sie ihre Jugend, in der es einfach nicht so viel Auswahl bei Wahlen gegeben habe und so die politische Lage in ihren Augen einfacher war.
Knapp zwei Stunden sind wir in Dessau-Roßlau. Viele der Personen, die wir treffen, sind kurz angebunden und äußern ein Desinteresse gegenüber der Politik, andere wollen gar nicht mit uns reden. Wir können also weder vor Ort noch von Personen, die bei der Stadt arbeiten, erfahren, wie sich das Leben in der Stadt in den letzten Jahren verändert hat. Wir können keine Erklärung liefern, warum genau Altparteien wie die CDU oder SPD an Stimmen verlieren und auch Parteien wie Die Linke ihre einstige große Beliebtheit verloren haben. Angekommen am Auto machen wir uns auf den Weg in die Stadt in Sachsen-Anhalt, in der die AfD bei der Bundestagswahl 2025 zwar auch die stärkste Kraft war, jedoch die Linke ihren höchsten Prozentstimmen in einer kreisfreien Stadt erzielen konnte. Wir sind unterwegs nach Halle (Saale).
Halle (Saale): Die Stadt der politischen Gegensätze
Unser zweiter Stopp ist Halle (Saale). Der Grund: Mit 17,4 % erzielte Die Linke hier ihr bestes Ergebnis in Sachsen-Anhalt bei der letzten Bundestagswahl. Im Vergleich zur Bundestagswahl 2021 gewann sie 5,1 Prozentpunkte hinzu und erreichte zugleich ihr stärkstes Ergebnis seit 2016.
In Halle angekommen, fahren wir mit der Straßenbahn zum Marktplatz in der Hoffnung, dort mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. Schon beim Aussteigen ist klar: Hier ist etwas los. Musik schallt über den Platz, ein Breakdancer zieht die Blicke der Passanten auf sich und zwischen den aufgebauten Ständen ist einiges los. Dort treffen wir Steven Merz, der bei der Betreuungsbehörde Halle arbeitet. Er berichtet, dass er durch seinen Arbeitsalltag mitbekommt, dass viele Menschen Zukunftsängste hegen. Diese würden sich nicht verringern, wenn zusätzlich Sozialleistungen oder Renten gekürzt werden. Aus seiner Sicht treiben solche Sorgen viele Menschen an die politischen Ränder, weil diese Parteien „einfache Lösungen haben und die hören sich erstmal toll an“. In der Praxis würden die aber nicht funktionieren. Steven befürchtet, dass die politische Mitte weiter an Bedeutung verliert. Von den etablierten Parteien wünsche er sich deshalb vor allem, dass sie ihre Versprechen einhalten und auch unbequeme Entscheidungen nachvollziehbar erklären.
Nachdem wir in Dessau-Roßlau überwiegend mit älteren Menschen gesprochen hatten, wollen wir in Halle bewusst die Perspektive jüngerer Menschen einfangen. Deshalb fahren wir weiter zur Universität. Nur vereinzelt kommen Studierende aus den Gebäuden, andere sitzen auf Bänken oder den Treppenstufen und unterhalten sich. Trotzdem finden wir einige, die bereit sind, mit uns über das politische Klima in Halle zu sprechen.
Eine von ihnen ist die 21-jährige Biochemie-Studentin Max. Ihre Eltern leben in Leipzig. Auf Zugfahrten zu ihnen habe sie mehrfach Neonazis erlebt, die randalieren.
„Ich überlege, was ich anziehe oder ob ich offen zeige, dass ich queer bin.“
Max, 21, Biochemie-Studentin
Mit Blick auf die kommende Landtagswahl sorgt sie sich weniger um Halle selbst als um Sachsen-Anhalt insgesamt. Halle sei durch die vielen Studierenden deutlich linker geprägt als andere Regionen des Landes. Diesen Eindruck habe sie auch bei den Hochschulwahlen gewonnen, bei denen linke Parteien sehr gut abgeschnitten haben.

Anschließend sprechen wir mit den Studentinnen Lucy (21) und Antonia (19). Lucy arbeitet im Stadtmarketing und war unter anderem an der Videoreihe „Warum Halle?“ beteiligt. Ein AfD-Politiker habe die Videos später für seine eigenen Zwecke genutzt, berichtet sie. Beide nehmen Halle als politisch stark gespaltene Stadt wahr. Diese Annahme spiegelt sich auch in den Wahlergebnissen der letzten Bundestagswahl wider. Während die AfD mit 25,2 % die stärkste Partei darstellt, folgt direkt danach Die Linke. Bei der Bundestagswahl 2021 waren hingegen die SPD (23,9 %) und die CDU (16,9 %) die beiden stärksten Parteien.
Wir verlassen Halle mit gemischten Gefühlen. Die Offenheit, mit der uns die Menschen begegnet sind, bleibt ebenso in Erinnerung wie ihre Sorgen um die politische Entwicklung. Zwischen einer jungen, linken Hochschulstadt und einer AfD, die dennoch stärkste Kraft ist, wirkt Halle wie eine Stadt, in der politische Gegensätze besonders deutlich sichtbar werden.
Mansfeld-Südharz: Auf der Suche nach Erklärungen
Die Sonne scheint auf den gepflasterten Marktplatz. Im Brunnen plätschert das Wasser und vor der Drogerie unterhalten sich einige Menschen. Es ist ein ruhiger Montagnachmittag in Lutherstadt Eisleben. Kaum etwas deutet darauf hin, dass wir uns nun in dem Landkreis befinden, in dem die AfD bei der Bundestagswahl 2025 ihr bestes Ergebnis in Sachsen-Anhalt erzielt hat.
Auf dem Weg durch die gemütliche Altstadt sprechen wir mehrere Passantinnen und Passanten an. Die meisten schütteln den Kopf oder lehnen ein Gespräch ab. Niemand möchte über Politik reden oder überhaupt irgendwelche Fragen beantworten. Erst eine Straße vom Marktplatz entfernt sprechen wir zwei Jugendliche an, die bereit sind, sich mit uns zu unterhalten.
„Ich persönlich [würde] AfD [wählen].“
Anonymer Teenager aus Eisleben
Wir fragen sie, wie sie ihre Stadt erleben. „Eisleben ist nicht die geilste Stadt”, sagt eine der beiden. Auf unsere Nachfrage, was sie damit meinen, fällt sofort ein Stichwort: Ausländer. Sie schildern uns einen Vorfall, berichten, dass sie sich in Eisleben nicht mehr sicher und von der Politik nicht unterstützt fühlen würden. „Die Landespolitik könnte besser sein”, sagen sie. Als wir sie fragen, welche Partei sie wählen würden, wird es kurz still. Die beiden tauschen einen Blick, kichern nervös. Schließlich antwortet eine von ihnen: „Ich persönlich AfD. Aber viele sagen, das und das ist falsch, was die sagen. Keine Ahnung.“
Die Aussagen der Jugendlichen spiegeln nicht die Meinung von allen in Mansfeld-Südharz wider. Ein Blick auf die Wahlergebnisse zeigt aber, dass die AfD im Landkreis in den vergangenen Jahren deutlich an Zustimmung gewonnen hat.
Bei der Bundestagswahl 2025 erreicht die Partei in Mansfeld-Südharz 44,3 % der Stimmen. Vier Jahre zuvor waren es noch 24,0 %. Innerhalb einer einzigen Wahlperiode gewann die AfD damit 20,3 Prozentpunkte hinzu und konnte ihren Stimmenanteil beinahe verdoppeln. Auch bei der Landtagswahl 2021 wurde sie mit 25,8 % die zweitstärkste Kraft hinter der CDU.
Zum Vergleich: Noch bei der Landtagswahl 2011 war Mansfeld-Südharz der stärkste Landkreis der Linken mit 25,9 %. Zwei Jahre später, bei der Bundestagswahl 2013 – der ersten Wahl, an der die neu gegründete AfD antrat – erzielte Die Linke dort sogar 26,8 % der Stimmen. Erneut war es das beste Ergebnis der Linken bei der Wahl in Sachsen-Anhalt.

Innerhalb von knapp 15 Jahren hat sich die politische Landschaft in Mansfeld-Südharz damit grundlegend verändert.
Wie lässt sich dieser Wandel erklären? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht. David Begrich vom Verein Miteinander e. V. sieht einen Grund in der Kommunikationsstrategie der AfD. Im Rahmen des Formats „Aufgegessen & Abgeräumt” erklärt er, die Partei habe gezielt Bürgerdialoge in ländlichen Regionen und Kleinstädten veranstaltet. Dabei haben sie den Menschen vor allem zugehört. „Die AfD hat in den ländlichen Gegenden und Kleinstädten Sachsen-Anhalts für ihr Kernklientel Angebote unterbreitet, die das Klientel in einen Zustand der emotionalen politischen Mobilisierung versetzt haben”, sagt Begrich. Die Strategie sei bewusst nicht auf die größeren Städte Magdeburg, Halle (Saale) und Dessau-Roßlau ausgerichtet. „Ihre Strategie war: Wir erobern die Städte vom Land aus”, beschreibt er das Vorgehen.
Gerade in kleineren Städten oder Dörfern könnten solche Veranstaltungen eine besondere Wirkung entfalten. Wenn in einem Ort nur wenige tausend Einwohnerinnen und Einwohner leben und mehrere hundert davon zu einer solchen Veranstaltung kommen, würde noch Tage später über diese gesprochen werden. Anders als in Großstädten sind Veranstaltungen dieser Art auf dem Land nicht alltäglich, sondern Gesprächsthema im gesamten Ort.
Auch die Altersstruktur könnte eine Rolle spielen. Sachsen-Anhalt ist das älteste Bundesland Deutschlands. Und der Landkreis Mansfeld-Südharz ist der Landkreis mit dem höchsten Durchschnittsalter im Bundesland. Im Schnitt sind die Bewohnerinnen und Bewohner des Landkreises 50,69 Jahre alt. Laut Begrichs Einschätzung könnten klassische Wahlkampfmittel wie Plakate und Präsenz im öffentlichen Raum deshalb dort gut funktionieren. Im Gegensatz dazu verläuft die politische Kommunikation in Großstädten größtenteils digital. Die Sichtbarkeit der Parteien würde im ländlichen Raum eher an Bushaltestellen, Ortseingängen und Marktplätzen eine Rolle spielen als auf Instagram oder Facebook.
Der Landrat von Mansfeld-Südharz, André Schröder (CDU), bewertet die Entwicklung anders. Auf unsere Anfrage hin lehnte man ein Interview ab und sagte uns, der Landrat habe sich bereits mehrfach zu dem Abschneiden der AfD geäußert.
„[Das starke Abschneiden der AfD] kann aber nicht aus den Strukturen in Mansfeld-Südharz heraus begründet werden, sondern zeigt weitestgehend den Protest durch die Unzufriedenheit mit der Bundespolitik.”
Pressesprecherin Mansfeld-Südharz im Auftrag von Landrat André Schröder (CDU)
Im Kreistag würde mit allen demokratisch gewählten Vertreterinnen und Vertretern sachbezogen gearbeitet werden. Eine strukturelle Zusammenarbeit der AfD gäbe es nicht.
Wir versuchen ein weiteres Gespräch zu führen. Doch wieder lehnen die Menschen ab oder gehen weiter. Warum sich die politische Stimmung in Mansfeld-Südharz in den vergangenen Jahren so verändert hat, können wir an diesem Nachmittag nicht abschließend beantworten. Zurück bleiben zwei Stimmen aus Eisleben, die nüchternen Zahlen aus 15 Jahren Wahlergebnissen und die Erkenntnis, dass zwischen persönlichen Wahrnehmungen und politischen Entwicklungen oft mehr liegt als ein einziges Gespräch das erfassen kann. Am Ende beschließen wir, wieder zurück nach Magdeburg zu fahren.
Ein Blick über die Landesgrenzen
Wieder in Magdeburg angekommen, stellen wir fest: Sachsen-Anhalt ist gespalten. Nach drei Städten, zahlreichen Gesprächen und einem Blick auf 15 Jahre Wahlergebnisse ist klar, dass die politische Entwicklung Sachsen-Anhalts sich weder an einem einzelnen Ort noch mit einem einzigen Thema erklären lässt. Das Gefühl politischer Distanz, unterschiedliche Lebensrealitäten und regionale Besonderheiten greifen ineinander. Während einige besorgt auf die Landtagswahl schauen, reagieren andere schon fast mit einer Art Gleichgültigkeit.
Ein Blick über die Landesgrenzen macht deutlich, wie unterschiedlich sich politische Entwicklungen trotz ähnlicher geografischer Voraussetzungen vollziehen können. Während die AfD bei der Bundestagswahl 2025 in Sachsen-Anhalt sowohl bei den Erst- als auch bei den Zweitstimmen stärkste Kraft wurde, lag sie im benachbarten Niedersachsen deutlich hinter der SPD und CDU. Dort erreichten sie 17,6 % der Erststimmen beziehungsweise 17,8 % der Zweitstimmen. In Sachsen-Anhalt waren es dagegen 38,8 % beziehungsweise 37,1 %.


Die Gründe dafür lassen sich nicht auf einzelne Faktoren reduzieren. David Begrich vom Miteinander e.V. sieht – wie bereits erwähnt – einen Teil der Erklärung in der Kommunikationsstrategie der AfD. „Wir sind in einer Lage in Sachsen-Anhalt in der aufgrund der Kommunikationsdominanz scheinbar alles auf das Konto der AfD einzahlt, sowohl Sonnenschein als auch Regen“, sagt er. Die AfD habe den ländlichen Raum gezielt angesprochen und dort mit Bürgerdialogen Resonanz erzeugt. Teilweise sieht er auch einen Grund in der Anti-Wessi-Haltung in Sachsen-Anhalt. Begrich erzählt, manche wären der Meinung: „Wir können es den Wessis mal zeigen, wenn wir die AfD wählen.“ Andere Faktoren haben wir im Rahmen unserer Recherche nicht untersucht.
In den Zahlen Sachsen-Anhalts können wir klar erkennen, dass Die Linke in den Städten zwar vergleichsweise hohe Stimmanteile generieren kann, diese aber jedoch bei weitem nicht an die AfD herankommen.
Unsere Reise endet dort, wo sie angefangen hat: bei den Menschen. Manche wollten mit uns reden, viele nicht. Die Gespräche, die wir führen konnten, erklären nicht das Wahlverhalten eines ganzen Bundeslandes. Sie zeigen aber, dass hinter jeder Zahl persönliche Erfahrungen stehen. Was wir festhalten können, ist, dass die anstehende Wahl eine Veränderung im Land bringen wird. Offen ist jedoch, in welche Richtung und wie sich die Spannung zwischen den Bürgerinnen und Bürgern künftig entwickeln wird.
Hinweis: Bei den grafischen Darstellungen wurde die Bundestagswahl 2021 nicht in Betracht gezogen, da sich die Daten hauptsächlich auf die Entwicklung des Landes Sachsen-Anhalt beziehen sollten und daher Landtagswahlen in den Fokus gerückt wurden.
Fragen zur Story? → miriam.hatscher@stud.h2.de
Miriam Hätscher (22) kommt gebürtig aus Nordhausen in Thüringen und lebt seit 4 Jahren in Magdeburg, um nach ihrem Studium in den Sportstätten dieser Welt die aktuellsten Erfolge in die Wohnzimmer der Zuschauer:innen zu bringen.
Alana Oppermann (21) ist in Bremen geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt in Niedersachsen. Bereits als kleines Kind hat sie es geliebt, Geschichten zu erzählen. Seitdem ist es ihr großer Traum nach ihrem Studium, für ein Kultur-Magazin zu schreiben, ganz egal, ob im Print- oder Onlinebereich.
Paula Weber (21) befindet sich im sechsten Semester ihres Journalismusstudiums. Sie ist in einem kleinen Dorf bei Magdeburg aufgewachsen und möchte nach ihrem Bachelor hinaus in die Welt und im investigativen Bereich arbeiten.
https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundeslaender/sachsen-anhalt/laendertrend/2026/mai
https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/gesundheitsreform-kabinett-2425916
https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/lt11/erg/kreis/lt.15087.ergtab.php
https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/bt13/index.html
https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/ew14/index.html
https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/lt16/erg/kreis/lt.15087.ergtab.php
https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/bt17/index.html
https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/ew19/erg/kreis/ew.15087.ergtab.php
https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/bt21/erg/kreis/bt.15087.ergtab.php
https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/lt21/erg/kreis/lt.15087.ergtab.php
https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/ew24/erg/kreis/ew.15087.ergtab.php
https://wahlergebnisse.sachsen-anhalt.de/wahlen/bt25/erg/kreis/bt.15087.ergtab.php
https://www.bundeswahlleiterin.de/bundestagswahlen/2025/ergebnisse/bund-99/land-15.html
https://www.bundeswahlleiterin.de/bundestagswahlen/2025/ergebnisse/bund-99/land-3.html