Das Wahlverhalten von Männern und Frauen in Deutschland

Von Beatriz Pfurr, Lenya Wilhelm und Jenny Künne

foto: zdfheute

Frauen nach links und Männer nach rechts – oder doch nicht?

Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt kommen mit schnellen Schritten entgegen und die AFD steht, laut neuster Umfrageergebnissen, mit 41% momentan an erster Stelle. Für viele wird es keine Überraschung sein, dass die CDU auf dem zweiten Platz folgt. Der dritte Platz ist allerdings nicht so belegt, wie man es vielleicht aus anderen Bundesländern gewöhnt ist. Denn es folgen weder die SPD noch das BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN – es ist DIE LINKE mit 14%. Die Schere zwischen politisch rechts und links ist aber nicht nur in Sachsen-Anhalt zu erkennen, sondern mittlerweile auch in ganz Deutschland. Wir stellen uns die Frage – ist dieser Unterschied auf das Wahlverhalten der Geschlechter zurückzuführen oder gibt es dafür ganz andere Gründe?

Die Darstellungen in unserer Data-Story sind interaktiv – viel Spaß beim durchklicken!

Die Historische Entwicklung des Wahlverhaltens von Frauen

Um einen Überblick über das Wahlverhalten zu bekommen ist es wichtig in die Vergangenheit zu gucken. Nach Informationen der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestags war bis in die 1970er Jahre in Deutschland ein traditioneller Gender Gap zu beobachten: Frauen wählten häufiger konservative Parteien wie die CDU/CSU als Männer. Als Gründe gelten ihre stärkere religiöse Bindung sowie ihre damalige sozioökonomische Situation. Da Frauen seltener erwerbstätig waren, bewegten sie sich häufiger im familiären und kirchlichen Umfeld, während Männer stärker in die Arbeitswelt, Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen eingebunden waren.

Mit den gesellschaftlichen Veränderungen der 1970er Jahre wandelte sich dieses Muster zu einem modernen Gender Gap. Steigende Bildungsabschlüsse und Erwerbsquoten von Frauen führten zu einer stärkeren wirtschaftlichen Unabhängigkeit und zu einem Wandel von Rollenbildern und Wertvorstellungen. Gleichzeitig verloren Religion und traditionelle Geschlechterrollen immer mehr an Einfluss. Erfahrungen mit Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt sowie die Frauenbewegung stärkten die Unterstützung für Parteien, die sich für Gleichstellung, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz einsetzen. Seitdem wählen Frauen tendenziell häufiger Parteien mit einem linken oder progressiven Profil.

Auch die Wahlbeteiligung von Frauen hat sich im Laufe der Zeit verändert. Bei der Bundestagswahl 1953 lag sie noch 3,3 Prozentpunkte unter der der Männer. Seit 2002 beträgt der Unterschied weniger als 0,8%, sodass heute nahezu genauso viele Frauen an Wahlen teilnehmen wie Männer.

Der Höchstwert ist bei den Bundestagswahlen in 1972 zu erkennen, mit einer Beteiligung von insgesamt 90,8%, während die niedrigste Wahlbeteiligung in 2009 erreicht wurde, mit 70,8%. Seitdem ist die Quote wieder steigend und landet bei den letzten Bundestagswahlen bei 82,5%. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen wurden im Verlauf immer kleiner, zuletzt mit einer Differenz von 0,2 Prozentpunkten. Das verbreitete Vorurteil, dass Frauen sich weniger für Politik interessieren, kann mit Hilfe dieser Daten widerlegt werden. Wie man sehen kann, nehmen Frauen heute nahezu genauso häufig an Bundestagswahlen teil wie Männer. In einzelnen Altersgruppen liegt ihre Wahlbeteiligung inzwischen sogar leicht über der der Männer. Bei der Bundestagswahl 2025 beteiligten sich Frauen in fast allen Altersgruppen häufiger als gleichaltrige Männer. Nur bei den über 70-Jährigen war es umgekehrt.

Heute unterscheiden sich Männer und Frauen nicht mehr in ihrer Wahlbeteiligung, sondern vor allem in ihren Parteipräferenzen. Besonders bei jungen Wählerinnen und Wählern zeigt sich inzwischen ein deutlicher Gender Gap zwischen progressiven und rechten Parteien.

Die letzten drei Bundestagswahlen im Überblick

2017

Bei der Bundestagswahl 2017 zeigte sich, dass die CDU/CSU in allen Altersgruppen die stärkste politische Kraft war. Besonders erfolgreich war sie bei älteren Wählerinnen und Wählern, während die in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen ihr schwächstes Ergebnis erzielte. Auffällig waren zudem die Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Unter den Frauen erreichte die CDU/CSU einen Stimmenanteil von 29,8%, während sie bei den Männern lediglich 23,5% erzielte. Damit lag ihr Ergebnis bei den Frauen um 6,3 Prozentpunkte höher. Betrachtet man die Zusammensetzung der Wählerschaft, zeigte sich außerdem, dass die CDU/CSU in den Altersgruppen bis 59 Jahre überwiegend von Männern gewählt wurde. Erst ab dem Alter von 60 Jahren überwogen die Frauen innerhalb der Wählerschaft.

Die Partei DIE LINKE konnte im Gegensatz dazu etwas mehr Männer als Frauen überzeugen. Ihr Stimmenanteil lag bei den Männern bei 9,7%, bei den Frauen bei 8,8%. Dieses Verhältnis entsprach weitgehend den Ergebnissen früherer Bundestagswahlen. Insgesamt setzte sich die Wählerschaft der Partei jedoch nahezu zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern zusammen und spiegelte in ihrer Altersstruktur weitgehend die Verteilung der Wahlberechtigten insgesamt wieder.

DIE GRÜNEN erzielten ihr stärkstes Ergebnis bei den unter 25-jährigen Wählerinnen und Wählern, von denen sich 14,6% für die Partei entschieden. Gleichzeitig zeigte sich abermals ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern: Frauen wählten die Grünen mit einem Stimmenanteil von 10,2% deutlich häufiger als Männer, bei denen die Partei lediglich 7,6% der Zweitstimmen erhielt. Während DIE GRÜNEN in den 1980er Jahren noch häufiger von Männern gewählt wurden, hat sich dieses Bild seit den 2000er Jahren geändert.

Ein gegenteiliges Bild zeigte sich bei der AfD. In den Altersgruppen zwischen 25 und 69 Jahren erzielte die Partei relativ konstante Ergebnisse zwischen 12,8% und 15,4%. Deutlich schwächer schnitt sie hingegen bei den jüngsten Wählerinnen und Wählern unter 25 Jahren ab, wo sie lediglich 8% der Stimmen erreichte. Der größte Geschlechterunterschied ist bei den Ergebnissen der AfD zu erkennen. Während sich 16,3% der Männer für die AfD entschieden, lag der Stimmenanteil bei den Frauen mit 9,2% deutlich niedriger. Damit gehörten Männer bereits bei der Bundestagswahl 2017 deutlich häufiger zur Wählerschaft der AfD als Frauen.

2021

Die Bundestagswahl 2021 verdeutlichte erneut, dass sich das Wahlverhalten von Männern und Frauen in Deutschland in vielen Bereichen unterscheidet. Insgesamt wurden die Grünen, die SPD sowie die CDU/CSU häufiger von Frauen gewählt, während die AfD, die FDP und DIE LINKE höhere Stimmenanteile unter Männern erzielten.

Die SPD erreichte in allen Jahrgangsgruppen überdurchschnittliche Ergebnisse bei den Frauen und wurde somit insgesamt häufiger von Wählerinnen unterstützt als von Wählern. Ein ähnliches Bild zeigte sich bei der CDU/CSU. Die Union erzielte bei Frauen bessere Ergebnisse als bei Männern, wobei die Unterschiede zwischen den Geschlechtern je nach Altersgruppe unterschiedlich stark ausfielen.

Die GRÜNEN wiesen erneut den höchsten Frauenanteil unter ihrer Wählerschaft auf und waren zwischen 2005 und 2021 die Partei mit der weiblichsten Wählerschaft. Besonders stark war ihre Unterstützung unter jungen Frauen. Gleichzeitig zeigte sich ein deutlicher Alterseffekt. Mit zunehmendem Alter nahm der Stimmenanteil der Grünen ab. Je jünger die Wählerinnen und Wähler waren, desto größer fiel der Vorsprung der Frauen gegenüber den Männern aus. Dieses Muster verdeutlicht, dass sich geschlechtsspezifische Unterschiede insbesondere in den jüngeren Generationen verstärken.

Ein gegensätzliches Bild zeigte dich bei der AfD. Sie wurde deutlich häufiger von Männern gewählt und erzielte ihr bestes Ergebnis mit 17.1% bei Männern der Geburtsjahrgänge 1977 bis 1986. Damit setzte sich der bereits bei früheren Bundestagswahlen erkennbare Trend fort, dass die AfD insbesondere unter männlichen Wählern überdurchschnittlich erfolgreich ist.

Auch DIE LINKE wurde insgesamt häufiger von Männern als von Frauen gewählt. Eine Ausnahme bildet jedoch die jüngste Altersgruppe, in der Frauen einen höheren Stimmenanteil erreichten als Männer. Dies ist bemerkenswert, da DIE LINKE nach den GRÜNEN als Partei mit dem stärksten feministischen Profil gilt und sich besonders für staatliche Gleichstellungsmaßnahmen einsetzt. In der Vergangenheit wurde der Männerüberhang bei der Partei unter anderem damit erklärt, dass Frauen grundsätzlich seltener radikale oder populistische Parteien unterstützen. Ganz unabhängig davon, ob diese dem linken oder rechten politischen Spektrum zuzuordnen sind. Die Ergebnisse der Bundestagswahlen 2021 zeigen jedoch, dass diese Annahme insbesondere für jüngere Wählerinnen nicht uneingeschränkt zutrifft.

Insgesamt bestätigte die Bundestagswahl 2021 den langfristigen Trend eines geschlechtsspezifischen Wahlverhalten. Während Frauen überdurchschnittlich häufig Parteien der politischen Mitte und des progressiven Spektrums wählten, entschieden dich Männer häufiger für Parteien mit wirtschaftsliberalen, populistischen oder stärker systemkritischen Positionen. Besonders unter jüngeren Wählerinnen und Wählern wurden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zunehmend sichtbar und deuteten auf eine wachsende politische Polarisierung hin.

2025

Beim vergleichen der Bundestagswahlergebnis von den Zweitstimmen in 2025, werden die Unterschiede im Wahlverhalten zwischen Männern und Frauen deutlich.

Bei den Frauen erreichte die AfD 16,7% der Zweitstimmen und konnte somit ihr Ergebnis gegenüber der Bundestagswahl 2021 (7,8%) mehr als verdoppeln. Auch Die Linke legte bei der letzten Wahl stark zu mit einen Stimmenanteil von 4,8% auf 10,2%. Die Grünen wurden ebenfalls von den Frauen bevorzugt mit 12,5%, während es bei den Männern 10,7% waren. Die SPD war bei den Frauen zweitstärkste Kraft mit 17,9%.

Auch bei den Männern gab es viel mehr Unterstützung für die AfD mit 25,1%. Im Vergleich zur Bundestagswahl 2021 lag die Partei noch bei 13%. Die Linke gewann ebenfalls an leichten Zuwachs von noch 5% bei der Wahl in 2021 zu 7,3% bei der Bundestagswahl in 2025. Die zweitstärkste Partei war allerdings die CDU mit 22,8%.

Wahlentscheidungen nach Alter

Die Bundestagswahl 2025 zeigt außerdem, dass sich das Wahlverhalten nicht nur nach Geschlechtern unterscheiden lässt, sondern auch zwischen den Altersgruppen.

DIE LINKE war mit 37,1% in der Altersgruppe zwischen 18 und 24 Jahren mit Abstand die meist gewählte Partei, jedoch gefolgt von der AfD mit 12,6% und den Grünen mit 12,5%. Auch in lag DIE LINKE vorn, wenn auch mit Verlusten. Gleichzeitig stieg der Stimmenanteil der AfD auf 16,0%. Bei den 35- bis 44-jährigen Frauen landete die AfD schließlich bei 22,2% und wurde stärkste Kraft. Anders ist es bei der Partei DIE LINKE, dort lag das Ergebnis bei 9,8%, während die CDU mit 17,4% an Bedeutung gewinnt. Ab 45 Jahren veränderte sich das Wahlverhalten der Frauen erneut. Die Ergebnisse der AfD veränderten sich ungleichmäßig, während DIE LINKE weiter an Bedeutung verliert.

Das Ergebnis fiel bei den Männern anders aus. Die AfD ist bei den 18- bis 24-Jährigen mit 25,2% die stärkste Partei, gefolgt von DIE LINKE (17,6%). In der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen stieg das Ergebnis der AfD nur leicht, während DIE LINKE auf 14,0% zurückfiel. Bei den 35- bis 44-Jährigen erreichte die AfD mit 31,9% ihren höchsten Stimmenanteil, während DIE LINKE erneut an Prozentpunkte verlor. Ab 45 Jahren gewinnt die SPD bei den Männern wieder deutlich an Zustimmung, jedoch legt auch die AfD leicht zu.

Insgesamt ist erkennbar, dass gerade junge Frauen häufiger linke Parteien bevorzugen, während junge Männer hingegen zur AfD tendieren. Die Wahlpräferenzen ändern sich je nach Alter bei Männer und Frauen, allerdings auf unterschiedliche Art und Weise.

Mögliche Einflussfaktoren für die Wahlentscheidung

In westlichen Demokratien driftet das Wahlverhalten von Männern und Frauen immer weiter auseinander.

Die Gründe variieren, warum Frauen und Männer ein unterschiedliches Wahlverhalten haben. Ulrike Krause von der Universität Münster fokussiert sich auf hauptsächlich Geschlechterverhältnisse in Konflikten bei beispielsweise Flucht und Konflikten. Trotzdem weist sie auf eine wachsende politische Spaltung zwischen den Geschlechtern hin. Verschiedene Studien zeigen, dass Frauen eher links-liberale Parteien bevorzugen, während gerade jüngere Männer sich immer häufiger konservativ oder rechts orientieren. Die Ursachen dafür sind unterschiedlich.

Als wichtige Einflussfaktoren für das entstehende Wahlergebnis gelten unter anderem das Bildungsniveau, die Arbeitsmarktbeteiligung, Gleichstellungsthemen sowie auch gesellschaftliche Werteorientierungen. Frauen haben heutzutage immer häufiger über einen Hochschulabschluss und wählen deshalb meist liberaler. Die Unterschiede in den beruflichen Lebenswelten werden trotz Angleichung der Erwerbstätigkeit deutlich.

Junge Frauen priorisieren eher Themen wie Gleichstellung, gesellschaftliche Vielfalt und soziale Absicherung, während junge Männer sich in eigenen Online-Communities bewegen und reagieren auf den gesellschaftlichen Wandel teils verunsichert oder mit der Hinwendung zu traditionelleren Rollenbildern. Durch die verschiedenen Sichtweisen und Themenfokusse kann eine Spaltung entstehen.

Die jungen Wähler und Wählerinnen haben immer mehr Einfluss

Bei der Europawahl 2024 durften erstmals auch 16- und 17-Jährige ihre Stimme abgeben. Dadurch rückte insbesondere das Wahlverhalten junger Menschen stärker in den Fokus der politischen Analyse. Gleichzeitig erreichte die Wahlbeteiligung mit 64,7 % den höchsten Wert seit der ersten Direktwahl des Europäischen Parlaments im Jahr 1979. 

Ein Blick auf die Stimmenverteilung zeigt, dass sich die Wählerschaft der Parteien je nach Altersgruppe deutlich unterscheidet. Die CDU/CSU erzielte ihre stärksten Ergebnisse bei den ältesten Wählerinnen und Wählern. In der Altersgruppe der Jahrgänge 1954 und früher erreichte sie 35,4 %, während sie bei den jüngsten Wahlberechtigten der Jahrgänge 2000 bis 2008 lediglich 12,5 % erhielt. Ein ähnliches Muster zeigt sich bei der SPD: Auch sie war besonders bei älteren Menschen erfolgreich und erreichte in der ältesten Altersgruppe 21,1 %, während ihre Ergebnisse bei den ab 1980 Geborenen jeweils unter zehn Prozent lagen. 

Demgegenüber zeigen sich bei anderen Parteien andere Schwerpunkte. Die Grünen wurden von Frauen häufiger gewählt (13,2 %) als von Männern (10,5 %) und erzielten ihre besten Ergebnisse vor allem bei jüngeren und mittleren Jahrgängen. Besonders stark war die Partei bei den zwischen 1990 und 1999 Geborenen, wo sie 16,7 Prozent der Stimmen erreichte. In den ältesten Altersgruppen fiel die Zustimmung dagegen deutlich geringer aus. 

Auch bei der AfD werden geschlechtsspezifische Unterschiede sichtbar. Männer entschieden sich mit 20,0 % deutlich häufiger für die Partei als Frauen, von denen 12,0 % ihre Stimme an die AfD gaben. Darüber hinaus erzielte die Partei ihre höchsten Stimmenanteile bei den zwischen 1955 und 1980 Geborenen, während sie sowohl bei den jüngsten als auch bei den ältesten Wählerinnen und Wählern schwächere Ergebnisse erzielte. Diese Unterschiede verdeutlichen, dass sich der sogenannte Gender Gap nicht nur bei Bundestagswahlen beobachten lässt, sondern auch bei der Europawahl 2024 erkennbar ist. 

Insgesamt machen die Ergebnisse deutlich, dass politische Präferenzen nicht gleichmäßig über alle Bevölkerungsgruppen verteilt sind. Während einige Parteien vor allem ältere Wählerinnen und Wähler ansprechen, erzielen andere ihre stärksten Ergebnisse bei jüngeren Generationen oder unterscheiden sich deutlich zwischen Frauen und Männern. Die Europawahl 2024 bestätigt damit, dass sowohl das Alter als auch das Geschlecht wichtige Einflussfaktoren auf das Wahlverhalten darstellen. Gleichzeitig zeigen die Daten, dass sich politische Einstellungen nicht auf einzelne Merkmale reduzieren lassen, sondern durch das Zusammenspiel verschiedener gesellschaftlicher und persönlicher Faktoren geprägt werden. 

Unsere Recherche geht weiter – was können wir noch herausfinden?

Spiegeln sich die Entwicklungen des Wahlverhaltens auch in unserer eigenen Umfrage wider? Um dieser Frage nachzugehen, haben wir eine Online – Umfrage erstellt und diese über soziale Netzwerke sowie durch persönliche Kontakte verbreitet. Durch das vielfache Weiterleiten der Teilnehmenden konnten rund wir rund 220 Antworten sammeln. Die Befragten stammten dabei aus verschiedenen Bundesländern Deutschlands, wodurch unterschiedliche regionale Perspektiven in die Umfrage einflossen. Die Befragten beantworteten Fragen zu ihrem Wahlverhalten, ihren politischen Prioritäten sowie zu den Themen, die ihre Wahlentscheidung beeinflussen. Ziel der Umfrage war es herauszufinden, ob sich die in Studien Wahlanalysen beschriebenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen auch in unserer eigenen Stichprobe erkennen lassen. 

 Geschlechterverteilung

Die Mehrheit der Teilnehmenden war weiblich (68,8%). Männer waren ebenfalls vertreten, machten jedoch einen geringeren Anteil der Befragten aus (28,8%). Wir haben ebenfalls als Antwortmöglichkeit Divers angeboten, dies war jedoch kaum vertreten mit 2,3% . Dadurch spiegeln die Ergebnisse vor allem die Perspektive junger Frauen wider. Die Umfrage ist daher nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, liefert aber dennoch interessante Einblicke in die Einstellungen der Befragten. 

Auch die Altersverteilung zeigt zwei deutliche Schwerpunkte. Mit 38,5 Prozent bilden die 16- bis 24-Jährigen die größte Gruppe der Befragten. Fast ebenso stark vertreten sind die 45- bis 59-Jährigen mit 34,4 Prozent. Die übrigen Altersgruppen machen jeweils deutlich kleinere Anteile aus. Diese Verteilung könnte damit zusammenhängen, dass wir die Umfrage zunächst in unserem eigenen Umfeld sowie mit unseren Eltern geteilt haben und sie von dort aus weiterverbreitet wurde. Die Ergebnisse bilden daher vor allem die Perspektiven jüngerer Erwachsener und der Altersgruppe zwischen 45 und 59 Jahren ab.

Bildungsabschluss

Auch beim Bildungsabschluss zeigt sich ein deutliches Bild. Knapp die Hälfte der Befragten verfügt über das Abitur oder Fachabitur (47,4 Prozent), weitere 29,3 Prozent befinden sich in einem Studium oder haben dieses bereits abgeschlossen. Realschulabschlüsse machen 15,8 Prozent aus, während Hauptschulabschluss, Promotion oder kein Abschluss jeweils nur einen kleinen Anteil der Stichprobe bilden. Die Ergebnisse spiegeln damit überwiegend die Perspektiven von Menschen mit einem höheren Bildungsabschluss wider.

Die Frage nach der bevorzugten Partei zeigt ein interessantes Bild. In unserer Umfrage erreicht DIE LINKE mit 26,1 Prozent den höchsten Stimmenanteil. Knapp dahinter folgen Bündnis 90/Die Grünen mit 24,8 %. Die CDU/CSU kommt auf 16,5 %, während sich 12,8 % der Befragten für die AfD entscheiden. Die SPD erreicht 9,2 %, während die übrigen Parteien jeweils nur einen vergleichsweise geringen Anteil ausmachen.

Auffällig ist, dass sich diese Ergebnisse deutlich von aktuellen Wahlumfragen und Wahlergebnissen in Sachsen-Anhalt unterscheiden. Insbesondere DIE LINKE und Bündnis 90/Die Grünen erzielen in unserer Stichprobe überdurchschnittlich hohe Zustimmungswerte. Dies könnte unter anderem mit der Zusammensetzung unserer Stichprobe zusammenhängen, da überwiegend junge, weibliche und höher gebildete Personen an der Umfrage teilgenommen haben.

Politische Schwerpunkte und Beweggründe 

Bei der Frage nach den wichtigsten politischen Themen konnten die Teilnehmenden zunächst einen Bereich auswählen, der ihnen persönlich am wichtigsten ist. Anschließend hatten sie die Möglichkeit, ihre Entscheidung in einer offenen Antwort zu begründen. Dadurch lässt sich nicht nur erkennen, welche Themen Priorität haben, sondern auch, welche Beweggründe hinter den jeweiligen Entscheidungen stehen.

„Soziales und Arbeit“ wurde mit 39,1 % am häufigsten als wichtigster politischer Bereich genannt. Es folgen „Klimaschutz und Umwelt“ mit 24,2 % sowie „Wirtschaft“ mit 15,8 %. Für 9,3 % der Befragten steht die innere Sicherheit im Mittelpunkt. Migration wurde von 3,3 % der Teilnehmenden als wichtigster Bereich gewählt, während Bildung und weitere selbst genannte Themen nur vereinzelt genannt wurden.

„Auf einem kaputten Planeten kann man nicht mehr wirtschaften[…]“ – Anonym

„Ich möchte das Deutschland ein soziales und gerechtes Land bleibt.“ – Anonym

„Klimawandel wartet nicht bis wir und bei anderen Themen geeinigt haben.“ – Anonym

„Nur mit einer funktionierenden Wirtschaft wird Geld verdient.“ – Anonym

„Kein Mensch verdient es in Armut zu leben, während Andere nicht wissen wohin mit ihrem Geld.“ – Anonym

Die offenen Antworten zeigen, dass hinter den gewählten Themen sehr unterschiedliche Beweggründe stehen. Besonders häufig nannten die Befragten beim Bereich „Soziales und Arbeit“ Begriffe wie soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit, faire Löhne, sichere Arbeitsplätze und den Erhalt des Sozialstaates. Viele beschrieben diesen Bereich als Grundlage für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und betonten, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben sollte, von seiner Arbeit leben zu können.

Beim Klimaschutz standen vor allem die Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen, der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und die Folgen des Klimawandels im Vordergrund. Diejenigen, die die Wirtschaft als wichtigsten Bereich nannten, begründeten ihre Wahl häufig damit, dass eine stabile Wirtschaft die Grundlage für Wohlstand, Arbeitsplätze und die Finanzierung sozialer Leistungen sei. Beim Thema innere Sicherheit spielten vor allem das persönliche Sicherheitsgefühl und der Wunsch nach einem sicheren gesellschaftlichen Zusammenleben eine wichtige Rolle.

Umfragefazit

Die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen, dass sich viele der in den offiziellen Wahlanalysen erkennbaren Entwicklungen auch in unserer Stichprobe widerspiegeln. Gleichzeitig wird deutlich, dass politische Entscheidungen von weit mehr als nur Alter oder Geschlecht beeinflusst werden. Persönliche Erfahrungen, individuelle Wertvorstellungen und Zukunftssorgen spielen für viele Befragte eine entscheidende Rolle. Da der Großteil der Teilnehmenden weiblich war und überwiegend junge sowie höher gebildete Personen an der Umfrage teilnahmen, sind die Ergebnisse nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Der hohe Frauenanteil in der Stichprobe könnte die Ergebnisse der Umfrage beeinflusst haben. Ob sich daraus ein Zusammenhang zwischen Geschlecht und Parteipräferenz ableiten lässt, kann anhand der vorliegenden Daten jedoch nicht eindeutig festgestellt werden.

Dennoch liefern sie interessante Einblicke in die politischen Prioritäten und Beweggründe der Befragten und ergänzen die statistischen Daten um persönliche Perspektiven.

Gegen den Strom schwimmen – im Gespräch

Die Auswertung der Bundestagswahlen zeigt, dass sich junge Männer und Frauen politisch zunehmend unterschiedlich orientieren. Während junge Frauen überdurchschnittlich häufig progressive Parteien wie die Grünen unterstützen, entscheiden sich junge Männer deutlich häufiger für Parteien rechts der politischen Mitte. Doch dieser Trend gilt nicht für alle. Wir haben uns mit Tom unterhalten, der mit Überzeugung Die Grünen wählt.

Seine politischen Werte beschreibt er als „demokratisch, pro Menschenrechte“. Besonders wichtig sind ihm Themen wie Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit, Bildung und Steuergerechtigkeit. Seine Parteiauswahl überrascht dementsprechend nicht: „Die Partei vertritt am stärksten die mir wichtigen Werte und hat realistische, von der Wissenschaft gedeckte Herangehensweisen, um die Ziele ihres Programms zu erreichen.“ Als entscheidende Faktoren für seine Wahl nennt er vor allem den Umwelt- und Klimaschutz sowie die soziale Gerechtigkeit.

Gleichzeitig bewertet er die Grünen nicht unkritisch. So sieht er insbesondere die zunehmende Bürokratie durch strengere gesetzliche Vorgaben als nicht vorteilhaft. Maßnahmen im Gebäude- und Heizungsbereich oder in der Landwirtschaft seien zwar aus Sicht des Klima- und Umweltschutzes nachvollziehbar, könnten für Privatpersonen und Betriebe jedoch mit erheblichem bürokratischem und finanziellem Aufwand verbunden sein und deshalb als Überregulierung wahrgenommen werden.

Wir brauchen Bildung und Feminismus, um die politische Spaltung zwischen jungen Frauen und Männern zu verringern

Tom, 21 (Grün-Wähler)

Auf die Frage, warum junge Männer seiner Meinung nach häufiger rechts wählen, als junge Frauen, verweist Tom auf unterschiedliche gesellschaftliche Erfahrungen. Frauen seien häufiger von Diskriminierung betroffen und legen deshalb größeren Wert auf Themen wie Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit. Gleichzeitig sieht er das traditionelle Männlichkeitsbild als möglichen Einfluss auf das Wahlverhalten. Dabei können sich Männer von Gleichberechtigung oder Diversität bedroht fühlen und sich eher von progressiven Parteien abwenden. Hierbei handelt es sich um seine persönliche Einschätzung, nicht um eine allgemeingültige Erklärung für den Gender Gap

Auch sein eigenes Umfeld beschreibt er als vielfältiger, als er zunächst angenommen hatte. Zwar wählten viele seiner Freunde ebenfalls die Grünen oder andere progressive Parteien, dennoch habe ihn der Kontakt mit Menschen außerhalt seines direkten Umfelds überrascht: „Ich denke leider, dass man oft in seiner eigenen Bubble lebt. In letzter Zeit habe ich viele Menschen getroffen, die politisch anders ticken.“. Das habe ihm klargemacht, dass es selbst bei Gleichaltrigen sehr viele verschiedene politische Meinungen gibt.

Das Interview macht deutlich, dass individuelle Wahlentscheidungen häufig auf persönlichen Wertvorstellungen und Erfahrungen beruhen. Gleichzeitig zeigt es, dass die in den Wahldaten sichtbaren Unterschiede zwischen jungen Männern und Frauen nicht zwangsläufig auf jede einzelne Person zutreffen. Vielmehr verdeutlicht das Gespräch, dass sich hinter den statistischen Trends unterschiedliche Beweggründe und Perspektiven verbergen.

Tradition bewahren, Neues zulassen

Eine 20-jährige Frau aus Mecklenburg-Vorpommern verbindet mit der AfD vor allem die Hoffnung auf einen politischen Wandel. Sie erwartet, dass die Partei die Ziele ihres Wahlprogramms konsequent umsetzt. Dazu zählt für sie auch die Umsetzung von Remigration. Gleichzeitig wünscht sie sich den Erhalt traditioneller Normen und Werte. Dazu zählt für sie das klassische Geschlechterbild von Mann und Frau sowie Werte wie Pünktlichkeit, Höflichkeit und gegenseitiger Respekt. Auch ein verantwortungsvoller Umgang mit Natur und Umwelt ist ihr wichtig, wobei sie diesen Aspekt ausdrücklich nicht im Zusammenhang mit der Klimawandel-Debatte sieht.

Trotz dieser Erwartungen sieht die befragte Person auch kritische Aspekte der AfD. Insbesondere manche Aussagen und Positionen einzelner Vertreter empfindet sie als zu radikal. Teilweise würden aus ihrer Sicht Grenzen überschritten oder problematische historische Bezüge, insbesondere zur Zeit des Nationalsozialismus, hergestellt.

An anderen Parteien schätzt sie dagegen, dass sie unterschiedliche Perspektiven einbringen und Individualität zulassen. Außerdem wünscht sie sich mehr neue politische Ideen und Konzepte statt der immer gleichen Ansätze. Positiv bewertet sie zudem die Nutzung sozialer Medien, um politische Inhalte verständlich zu vermitteln und mit den Bürgerinnen und Bürgern in den Austausch zu treten.

Und nun?

Die Frage, ob Frauen wirklich eher links wählen als Männer, lässt sich nicht im Allgemeinen beantworten. Wie die Daten zeigen gibt es deutliche Unterschiede im Wahlverhalten der jüngeren Wählerinnen und Wählern, insbesondere in Bezug auf die AfD und DIE LINKE. Dennoch gehen die politischen Meinungen in den meisten Altersgruppen in eine ähnliche Richtung. Es wird offensichtlich, dass Aspekte wie Alter, Bildung, Beruf und allgemeine Wertvorstellungen die Wahlentscheidung immer mehr beeinflussen. Die Entwicklungen in Sachsen-Anhalt und in ganz Deutschland zeigen, dass die politische Gesellschaft immer weiter gespalten wird. Dabei spielen die unterschiedlichen Wahlverhalten der Geschlechter eine wichtige Rolle, dennoch ist dies nur einer von mehreren Faktoren.

Unsere Quellen

„Zum Wahlverhalten von Frauen“ – Wissenschaftliche Dienste / Deutscher Bundestag https://www.bundestag.de/resource/blob/851590/421a09496394820ff1c06c9d4d4176da/WD-1-013-21-pdf-data.pdf

Die Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen ab 1953 – Die Bundeswahlleiterin https://1drv.ms/x/c/075334d4965635ae/IQCF6VmU4ie_S7vHEPVg6GHSAa40-Av8yjFvrdLnxbQc7aQ?e=S89Yz6

Daten zur Bundestagswahl 2017 – Die Bundeswahlleiterin https://www.bundeswahlleiterin.de/dam/jcr/a124b184-8fdb-4e2b-b519-b9f546d958c8/btw17_heft5-2.pdf

Daten zur Bundestagswahl 2021 – Bundeszentrale für politische Bildung https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/bundestagswahlen/zuf-btw-2021/

Daten zur Bundestagswahl 2025 – Die Bundeswahlleiterin https://www.bundeswahlleiterin.de/dam/jcr/63623bc5-20fc-449f-a032-7ecd508f04ad/btw25_heft4.pdf

Daten zur Europawahl 2024 – Bundeszentrale für politische Bildung https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/europawahl/552042/waehlerstimmen

Falls Sie noch weitere Fragen haben sollten, können Sie sich gerne bei uns melden:)

Kontaktdaten: lara.b.pfurr@stud.h2.de

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