
Artenvielfalt im Rückzug
Was der Biber über die Biodiversität in Sachsen-Anhalt zeigt
Ein scheinbar gutes Zeichen

Der Biber steht im flachen Wasser der Elbe, zwischen Weiden und Schilf. Äste treiben im Strom, am Ufer sind frische Nagespuren zu sehen. Es ist eine Szene, die nach intakter Natur aussieht – nach Rückkehr und Erfolg.
Noch vor wenigen Jahrzehnten war der Biber in Sachsen-Anhalt fast verschwunden. Heute ist er entlang der Mittelelbe wieder weit verbreitet. Sein Comeback gilt vielen als Beleg dafür, dass Naturschutz wirken kann.
Und doch passt dieses Bild nicht zu den Zahlen.
Denn während der Biber zurückkehrt, verschwinden andere Arten fast unbemerkt aus der Landschaft. Die scheinbare Idylle an der Elbe steht im Kontrast zu dem, was ein Blick auf den Zustand vieler Tierarten im Land Sachsen-Anhalt zeigt.
Die Visualisierungen in dieser Geschichte sind interaktiv. Sie können die Daten eigenständig zu erkunden und sich durchklicken.
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Was die Zahlen zeigen – und was nicht
Die Rote Liste Sachsen-Anhalt gibt eine Überblick darüber, wie es um die Tierwelt steht. Sie dokumentiert, welche Arten als gefährdet gelten, welche Bestände zurückgehen – und wo es bereits Verluste gibt.
Mehr als jede dritte Säugetierart in Sachsen-Anhalt gilt heute als bedroht, stark gefährdet oder bereits ausgestorben.
Doch so eindeutig, wie sie scheint, ist diese Zahl nicht. Denn die Rote Liste fasst sehr unterschiedliche Arten zusammen: Tiere mit völlig verschiedenen Lebensräumen, ökologischen Ansprüchen und Gefährdungsursachen. Hinzu kommt, dass der Kenntnisstand stark variiert – während einige Arten gut erforscht sind, fehlen bei anderen belastbare Daten.
„Eine einheitliche Aussage zum Zustand der Säugetierarten ist fachlich nicht sinnvoll“, sagt Dr. Martin Trost vom Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt. Es gebe Arten mit stabilen oder sogar steigenden Beständen, etwa Wolf, Biber oder Fischotter. Gleichzeitig befänden sich andere Arten seit Jahren in einem anhaltenden, teils dramatischen Rückgang.
Ein Blick auf die Entwicklung einzelner Artengruppen zeigt diese Unterschiede besonders deutlich.
Während sich einige Gruppen vergleichsweise stabil entwickeln (Schmetterlinge und Käfer), ist der Anteil gefährdeter Arten bei anderen seit Jahrzehnten hoch oder weiter gestiegen (Fische/Rundmäuler). Die Grafik macht sichtbar, was eine einzelne Kennzahl nicht leisten kann: Biodiversität entwickelt sich nicht einheitlich, sondern sehr unterschiedlich – je nach Artengruppe, Lebensraum und Nutzung der Landschaft.
Die Rote Liste zeigt damit nicht nur Verluste, sondern auch Spannungen zwischen Gewinnern und Verlierern des Wandels. Sie macht deutlich: Biodiversität lässt sich nicht auf eine einzige Zahl reduzieren.
Was diese Unterschiede in der Praxis bedeuten, lässt sich an einer Art besonders gut zeigen – am Biber.
Der Biber, Ingenieur der Elbe
Der Elbebiber ist eines der markantesten Tiere der Mittelelbe. Bekannt für seine imposanten Bauwerke prägt er wie kaum eine andere Art die Auenlandschaft entlang des Flusses. Er gestaltet seinen Lebensraum aktiv: Durch den Bau von Dämmen reguliert er Wasserstände, hält Eingänge zu seinen Bauen unter Wasser und schafft neue Feuchtgebiete.
„Der Biber stellt im Prinzip Ökosysteme her, die vorher so noch nicht da waren“, erklärt Jörg Schuboth, Leiter der Landeskompetenzstelle für Biberschutz.
Dabei ist der heutige Zustand keineswegs selbstverständlich. Noch im 19. Jahrhundert galt der Biber europaweit als nahezu ausgerottet. Er wurde intensiv bejagt, da er als Fastenspeise galt – als Wasserbewohner wurde er fälschlich dem Fisch zugerechnet. Zudem waren sein Fell und das sogenannte Bibergeil, ein Drüsensekret, begehrte Handelsgüter. Gleichzeitig zerstörten Entwässerungsmaßnahmen sowie der Ausbau von Flüssen und Bächen seinen Lebensraum.
Um 1900 lebten an der Mittleren Elbe nur noch rund 200 Tiere. Dass der Biber in Sachsen-Anhalt überlebte, ist eine Besonderheit: Es ist das einzige Bundesland, in dem die Art nie vollständig ausgestorben ist.
Erst durch konsequenten Schutz – darunter ganzjährige Schonzeit, gesetzliche Unterschutzstellung und das Engagement ehrenamtlicher Biberschützer – setzte ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Trendwende ein.
In den 1970er-Jahren lebten etwa 1.000 Biber im Land, heute sind es rund 3.500. Seine Bestandsentwicklung wird seit vielen Jahren systematisch vom Arbeitskreis Biberschutz im NABU Sachsen-Anhalt erfasst.
Das Hauptverbreitungsgebiet des Bibers ist die Elbe. Von dort aus besiedelt er zunehmend Nebenflüsse wie Saale, Mulde, Schwarze Elster, Bode, Ohre und Havel. Wausreichend Wasser und Nahrung vorhanden sind, findet man ihn inzwischen auch an kleineren Bächen und Entwässerungsgräben. Dies zeigt seine Anpassungsfähigkeit, aber auch, wie stark natürliche Gewässer unter Nutzungsdruck stehen.
Durch seine Bautätigkeit wirkt der Biber wie ein natürlicher Landschaftsingenieur: Er hält Wasser in der Fläche, fördert die Grundwasserneubildung und schafft Lebensräume für Insekten, Amphibien, Fische, Vögel und typische Feuchtgebietspflanzen. Der Elbebiber gilt damit als „Baumeister der Natur“ und als Beispiel dafür, wie eine einzelne Art ganze Ökosysteme prägen kann.
Der Biber in Gefahr
Trotz der positiven Bestandsentwicklung bleibt der Elbebiber in Sachsen-Anhalt erheblichen Risiken ausgesetzt. Die Daten aus der Biberkartierung 2019/2020 zeigen, dass Verbreitung nicht automatisch Stabilität bedeutet. Zwar existierten landesweit 1.426 bekannte Biberreviere, doch konnte nur bei 577 Revieren der tatsächliche Besatz überprüft werden. In rund 25 Prozent dieser kontrollierten Reviere fanden sich keine Hinweise auf eine aktuelle Besiedlung.

Eine der zentralen Ursachen ist der zunehmende Wassermangel.
Die anhaltende Trockenheit der letzten Jahre führte in vielen Regionen zu niedrigen Wasserständen oder vollständig trocken gefallenen Gewässern. In zahlreichen Revieren lagen die Eingänge zu Biberbauen offen, Nahrung war schwerer erreichbar, und manche Reviere wurden ganz aufgegeben. Besonders betroffen waren unter anderem die Landkreise Wittenberg, Anhalt-Bitterfeld, Dessau-Roßlau und der Salzlandkreis.
Laut Schuboth gilt auch aus Sicht der Biberschutzpraxis: Wenn Wasser und Nahrung fehlen, „verschwinden die Biber irgendwann wieder“.
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Der Klimawandel verschärft diese Entwicklung. Sinkende Wasserstände machen Biberburgen anfälliger für Fressfeinde und zwingen die Tiere zur Abwanderung. Gleichzeitig führt der Wassermangel zu vermehrtem Dammbau, um verbleibende Wasserflächen zu sichern – ein Verhalten, das den Biber zunehmend in Konflikt mit menschlichen Nutzungsinteressen bringt.
Hinzu kommen weitere menschengemachte Belastungen. Der Straßenverkehr stellt eine der häufigsten direkten Gefahren dar. Eingriffe in die Gewässerunterhaltung, etwa durch Uferbefestigungen, Steinschüttungen oder den Rückschnitt von Weichhölzern, zerstören Bau- und Nahrungsgrundlagen. Auch die Zerschneidung der Landschaft erschwert die Ausbreitung. In Trockenperioden weichen Biber verstärkt in vom Menschen genutzte Räume aus, was Konflikte mit Land- und Forstwirtschaft verschärft. In besonders zugespitzten Debatten wurde der Biber zeitweise sogar als „Landplage“ bezeichnet.
Der Elbebiber steht damit exemplarisch für ein zentrales Problem des Naturschutzes in Sachsen-Anhalt: Selbst erfolgreiche Schutzmaßnahmen stoßen an Grenzen, wenn sich klimatische Bedingungen und Landschaftsnutzung grundlegend verändern. Der Zustand des Bibers verweist auf die Bedeutung wasserreicher, naturnaher Lebensräume – nicht nur für eine einzelne Art, sondern für die gesamte Biodiversität der Flussauen.
Schutz des Bibers
Die Rückkehr des Elbebibers zeigt, dass Naturschutz wirken kann, wenn er langfristig gedacht und konsequent umgesetzt wird. In Sachsen-Anhalt bilden Schutzgebiete entlang der Elbe das Rückgrat dieser Entwicklung. Das Biosphärenreservat Mittelelbe zählt zu den bedeutendsten Auenlandschaften Mitteleuropas und bietet dem Biber großflächige, vergleichsweise naturnahe Lebensräume. Ein Beispiel hierfür ist die Biberfreianlage am renaturierten Landeskulturgraben bei Dessau-Roßlau. Auf rund 20.000 Quadratmetern wurde dort ein künstliches Biberrevier angelegt, das vollständig an die Bedürfnisse des Bibers angepasst ist. Neben dem Gebietsschutz spielen gezielte Renaturierungsmaßnahmen eine zentrale Rolle. Ein aktuelles Beispiel ist das groß angelegte Havel-Projekt, bei dem Bund und Länder bis 2033 rund 70 Millionen Euro investieren. Ziel ist es, die Havel auf etwa 90 Kilometern wieder naturnäher zu gestalten – durch den Rückbau von Uferbefestigungen, die Anbindung von Altarmen und die Entwicklung von Auenwäldern. Von diesen Maßnahmen profitiert nicht nur der Biber, sondern die gesamte Artenvielfalt der Flusslandschaften. Doch erfolgreicher Naturschutz endet nicht an der Grenze eines Schutzgebietes. Wo der Biber in einer intensiv genutzten Kulturlandschaft lebt, entstehen zwangsläufig Konflikte – etwa mit der Wasserwirtschaft, der Land- und Forstwirtschaft oder dem Hochwasserschutz. Um diese zu entschärfen, setzt Sachsen-Anhalt auf ein koordiniertes Bibermanagement. Die Biberkompetenzstelle im Biosphärenreservat Mittelelbe fungiert gemeinsam mit dem Arbeitskreis Biberschutz im NABU als zentrale Anlaufstelle für Behörden und Verbände. Sie berät bei Genehmigungsverfahren, unterstützt biberfreundliche Gewässerunterhaltung und hilft, Schäden zu minimieren, ohne den Schutzstatus der Art infrage zu stellen.
Ein wesentlicher Pfeiler dieses Systems ist das ehrenamtliche Engagement. Jahr für Jahr erfassen zahlreiche Freiwillige den Biberbestand im Land, dokumentieren Reviere und liefern damit die Datengrundlage für politische Entscheidungen und Schutzmaßnahmen. Gleichzeitig werden Gewässerunterhaltungsverbände finanziell entlastet, wenn biberbedingte Mehraufwendungen entstehen. Dieser Ansatz, soll Naturschutz und Nutzung miteinander verbinden.
Dies macht deutlich: Naturschutz ist kein einmaliger Eingriff, sondern ein fortlaufender Prozess. Schutzgebiete, Renaturierung und Management greifen nur dann ineinander, wenn Wasser, Raum und Akzeptanz vorhanden sind. Der Biber ist dabei nicht nur Nutznießer, sondern aktiver Mitgestalter und ein Schlüsselakteur für widerstandsfähige Ökosysteme.
Was der Biber zeigt
Der Biber zeigt, dass Naturschutz wirkt, macht aber auch bestehende Umweltprobleme sichtbar.
Jörg Schuboth, Leiter der Landeskompetenzstelle für Biberschutz Sachsen-Anhalt
Der Biber steht für eine der wenigen Erfolgsgeschichten des Naturschutzes in Sachsen-Anhalt. Sein Bestand hat sich erholt, weil Lebensräume geschützt wurden und weil gezielt eingegriffen wurde. Gleichzeitig macht sein Beispiel deutlich, dass solche Erfolge nicht selbstverständlich sind.
„Dort, wo Lebensräume geschützt oder wiederhergestellt werden, zeigen sich auch positive Entwicklungen”, sagt Martin Trost. Doch dieser Erfolg hat Grenzen. Denn die positive Entwicklung einzelner Arten lässt keine Rückschlüsse auf den Zustand der biologischen Vielfalt insgesamt zu. „Eine einheitliche Aussage zum Zustand der Säugetierarten oder der biologischen Vielfalt insgesamt ist fachlich nicht sinnvoll”, betont Trost. Zu unterschiedlich seien die ökologischen Ansprüche, Gefährdungsursachen und Datenlagen der einzelnen Arten.
Besonders deutlich wird das bei Arten wie dem Feldhamster. Während der Biber von wasserreichen Lebensräumen profitiert, brechen die Bestände des Feldhamsters seit Jahren dramatisch ein. „Der sich im freien Fall befindende Feldhamster profitiert nicht von steigenden Wolfs- oder Wildkatzenpopulationen”, so Trost. Der Biber zeigt damit, was möglich ist, aber auch, wie selektiv Naturschutz wirkt.
Die entscheidenden Faktoren für den Zustand der Artenvielfalt liegen weniger bei einzelnen Arten als bei der Nutzung der Landschaft. „Der wichtigste Faktor ist die intensive Landnutzung”, betont Trost. Hinzu kamen Verkehr, Lebensraumverlust und politische Rahmenbedingungen, die den Artenschutz häufig schwächen. „Punktuelle Maßnahmen können diese grundlegenden Entwicklungen kaum ausgleichen.”
Die offenen Fragen der Zukunft
Gerade in der Landwirtschaft seien die Auswirkungen besonders deutlich sichtbar. Hochintensive Bewirtschaftung, fehlende Rückzugsräume und hoher Pestizideinsatz führt bei vielen Arten zu Nahrungsmangel und hoher Moralität. Eine grundsätzliche Trendwende sei bislang nicht erkennbar.
Auch neue Herausforderungen gewinnen an Bedeutung. „Der Klimawandel ist mittlerweile eindeutig”, sagt Trost, auch wenn seine Auswirkungen bei Säugetieren bislang langsamer sichtbar seien als bei anderen Artengruppen. Hinzu kämen neue Nutzungskonflikte, etwa durch den Ausbau der Windenergie oder durch Änderungen im Artenschutzrecht.
Entscheidend sei, Naturschutz frühzeitig in Planungs- und Entscheidungsprozesse einzubeziehen. „Nachträgliche Korrekturen sind meist teuer oder kaum umsetzbar”. Gleichzeitig fehlten häufig die finanziellen Mittel, um Schutzmaßnahmen flächendeckend umzusetzen.

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Trotzdem zeigen die Zahlen, dass Naturschutz in Sachsen-Anhalt wirkt – aber längst nicht für alle Arten.
Über die Autor:innen
Sofia Boos (21) studiert Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Aufgewachsen an der Havel und heute mit der Elbe vor der Tür, ist sie der Natur schon immer eng verbunden. Perspektivisch möchte sie im Bereich Moderation oder Social Media arbeiten.
Erik Becker (28) ist ebenfalls Student in der Fachrichtung Journalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal. In Sachsen-Anhalt aufgewachsen verbindet er seine Heimat vor allem mit der Elbe – der Fluss und seine grünen Auen begleiten ihn bereits seit seiner Kindheit. Im Laufe seines Studiums arbeitete er in verschiedenen Redaktionen im In- und Ausland. Seine Erfahrungen will er nach seinem nahenden Abschluss im PR- und Marketing-Bereich einbringen.
Fragen zu unserer Story? Meldet euch gerne unter der Email-Adresse: sofia.boos@stud.h2.de
Quellen
Alle in der Data-Story enthaltenden Informationen zu Biodiversität und Artenschutz wurden aus folgenden Portalen entnommen: Arbeitskreis Biberschutz im NABU, Landeskompetenzstelle für Biberschutz in Sachsen-Anhalt, Biosphärenreservat Mittelelbe, Landesministerium für Wissenschaft, Energie, Klimaschutz und Umwelt. Darüber hinaus wurden folgende Publikationen indirekt zitiert: Frank, D. (2018). Gefährdungsursachen für in Sachsen-Anhalt vorkommende Pflanzen und Tiere. In H. Korn, H. Dünnfelder & R. Schliep (Hrsg.). Ebenso wurden zur fachlichen Einordnung der Gefährdungssituation die Roten Listen (2004,2020) gefährdeter Tier- und Pflanzenarten des Landes Sachsen-Anhalt herangezogen. Eine detaillierte Quellenangabe befindet sich jeweils unterhalb der entsprechenden Grafik.