
Mehr tödliche Unfälle als in keinem anderen Bundesland:
Wie steht es um die Verkehrssicherheit
in Sachsen-Anhalt?
Foto: epd
Baustellen, Unfälle, Chaos – Sachsen-Anhalt steht rund um Infrastruktur und Verkehrsunfällen immer wieder in den Schlagzeilen.
Doch ist der Verkehr hier wirklich so gefährlich? Wo steht Sachsen-Anhalt im bundesweiten Vergleich mit besonderem Blick auf Thüringen?
Und wieso verzeichnet Sachsen-Anhalt (mit Abstand) so viele Verkehrstote?
Wir haben die Daten zusammengefasst und vergleichen die Jahre 2014 und 2024 miteinander. Wie hat sich die Anzhal der Verkehrsunfälle in Sachsen-Anhalt wirklich entwickelt?
Die Darstellungen sind interaktiv – klicken Sie sich durch, um detailliertere Zahlen zu sehen!
Durchschnittlich alle sieben Minuten kracht
Innenministerin Tamara Zieschang (CDU)
es auf Sachsen-Anhalts Straßen.
Ein erster Blick – Deutschlands Unfälle
Deutschland ist geografisch gelegen das Herz Europas – auch was die Mobilität und Anbindungen betrifft. Nach Spanien verzeichnet die Bundesrepublik, mit einer Länge von 13.172 km, das zweitgrößte Autobahnnetz Europas. Fernautobahnen wie die A2 (Ost-West) oder die A7 (Nord-Süd) führen durch das ganze Land. Laut der Verkehrsstatistik des Bußgeldkataloges sorgt ein großes Autobahnnetz aber auch für ein starkes Verkehrsaufkommen, was zu einem höherem Unfallrisiko führt.
In 2024 kam es in ganz Deutschland zu über 2,5 Millionen polizeilich erfassten Verkehrsunfällen. Für unsere Darstellung haben wir uns die Verkehrsunfälle der einzelnen Bundesländer genauer angeschaut. Hier können Sie die einzelnen Bundesländer anklicken und die Anzahl der Unfälle nachvollziehen.
Um die Werte korrekt miteinander vergleichen zu können, wurden die Verkehrsunfälle pro 100.000 Einwohner berechnet.
Dabei kommt Sachsen-Anhalt nicht gerade unschuldig davon und landet auf Platz 6 der Bundesländer mit den meisten Straßenverkehrsunfällen. Auf 100.000 Einwohner in Sachsen-Anhalt kommen also 3327 Unfälle.
Im Vergleich zu einer der dichtbesiedelsten Bundesländer wie NRW also ein ziemlich hohes Unfall-Aufkommen.
Zur Einordnung: Sachsen-Anhalt hat eine Flächengröße von 20.467 km² und ist damit das 10. größte Bundesland – mit einer Bevölkerungsanzahl von 2.135.597 Millionen Einwohner.
In Sachsen-Anhalt kracht es ziemlich oft – was sagen die Unfalldaten und Statistiken?
Sachsen-Anhalt: Die Unfallentwicklung über die Jahre
Schauen wir uns die Anzahl der Straßenverkehrsunfälle in Sachsen-Anhalt genauer an, sind diese in 2024 – verglichen zu 2014 und 2017 – gesunken.
Durch die Corona-Pandemie kam es zu einem massiven Rückgang des Verkehrsgeschehens: Die Unfallzahlen brachen im Vergleich zu 2019 um über 12,5 % (insgesamt 9.417 Unfälle weniger) ein. Die Corona-Krise sorgte dafür, dass Menschen vorrangig zu Hause geblieben sind und sich dadurch das Verkehrsaufkommen verdünnt hat.
Seit 2021 steigen die Unfallzahlen wieder an. Aber: Die Unfälle mit Personenschaden bleiben niedriger, als vor der Pandemie 2020. Gründe dafür könnte die in 2023 vom Landtag beschlossene „Vision Zero“ sein. Die Landespolizei setze dabei auf gezielte Prävention und konsequente Kontrollen, so Zieschang gegenüber dem MDR.
Als Hauptursachen für Unfälle mit Personenschaden sind Autofahrer, die die Vorfahrt und Vorrang nicht richtig beachten, zu schnell fahren oder zu wenig Abstand halten, so der MDR. Außerdem ist Sachsen-Anhalt als ländlich geprägte Region für schwere Verkehrsunfälle anfällig. Auf der A2 gäbe es zu wenig Polizeikontrollen und etwa jeder dritte tödliche Unfall passiert aufgrund von erhöhter Geschwindigkeit im Verkehr.
Die A2 als Hauptverkehrsader in Sachsen-Anhalt trägt mit ihrem hohen Verkehrsaufkommen durch PKWs und LKWs auch zu schweren Verkehrsunfällen bei.
In Sachsen-Anhalt gibt es so viele Verkehrstote wie in keinem anderen Bundesland. 2024 kamen in Deutschland 2.770 Menschen bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Zum Vergleich: Bei ca. 83,6 Mio. Einwohnern ergibt das ca. 3,31 Todesopfer pro 100.000 Einwohner. In Sachsen-Anhalt, mit ca. 2,14 Mio. Einwohnern, ergibt das ca. 5,20 Todesopfer pro 100.000 Einwohner. Das Risiko, bei einem Verkehrsunfall zu sterben, war in hier im Jahr 2024 statistisch gesehen etwa 57 % höher als im Bundesdurchschnitt.
Ein Grund für die hohen Todeszahlen ist unter anderem der hohe Altersdurchschnitt in Sachsen-Anhalt. Ältere Menschen seien anfälliger für schwere Verletzungen und im Verkehr oft nicht mehr sicher unterwegs.
Sachsen-Anhalt vs. Thüringen – Ein Vergleich der Bundesländer
Sachsen-Anhalt und das Nachbarbundesland Thüringen sind sich ähnlicher, als man auf dem ersten Blick erwartet – auch wenn sie sich in der Flächengroße unterscheiden. Sachsen-Anhalt verzeichnet in 2025, mit einer Flächengröße von 20.467 km², ca. 2,14 Millionen Einwohner. In Thüringen wohnen rund 2,10 Millionen Menschen auf 16.172 km². Obwohl Thüringen dichter besiedelt ist, mit 3,15 Unfällen pro km², ist die Unfalldichte in Sachsen-Anhalt mit 3,47 Unfällen pro km² etwas höher.
Trotz ähnlichen Gegebenheiten überragt Sachsen-Anhalt Thüringen mit der Zahl der Verkehrsunfälle. 2024 war es zum Beispiel in Sachsen-Anhalt rund
40 % wahrscheinlicher in einem Unfall verwickelt zu werden, als in Thüringen.
In Sachsen-Anhalt kommt es öfter zu Verkehrsunfällen mit Personenschaden als in Thüringen. Im selben Jahr verzeichnet Sachsen-Anhalt 7.745 Unfälle mit Personenschaden, Thüringen verzeichnet nur 5.936 Unfälle. Dabei kommt es in Sachsen-Anhalt zu über 30 % mehr Unfällen mit Personenschaden.
2020 und die Corona-Pandemie: Das Aufkommen von Verkehrsunfällen steigt in Sachsen-Anhalt seitdem wieder an. In Thüringen sind die Werte in 2020 und 2021 allerdings fast identisch. Auch nach der Pandemie steigen Verkehrsunfälle in Thüringen kaum an. 2023 kam es im Freistaat zu 50.477 erfassten Unfällen, in 2024 stiegen sie um nur 97 Unfälle. In Sachsen-Anhalt wurden im selben Zeitraum 1.729 weitere Unfälle erfasst.
Auch in Thüringen ist der Hauptgrund für Verkehrsunfälle eine überhöhte oder nicht-angepasste Geschwindigkeit, so die Verkehrsstatistik des Thüringer Ministerium für Inneres, Kommunales und Landesentwicklung. Weitere Ursachen sind, wie auch in Sachsen-Anhalt, die Nichtbeachtung von Vorfahrt oder Vorrang, fehlerhaftes Abbiegen oder Wenden sowie die Missachtung vom Sicherheitsabstand zu anderen Fahrzeugen.
Ein Blick auf die Zahl der Verkehrstoten verdeutlicht, dass Sachsen-Anhalt im Zeitraum von 2014 bis 2024 deutlich über Thüringen liegt. Sachsen-Anhalt weist in jedem einzelnen Jahr eine höhere Zahl an Verkehrstoten auf als das benachbarte Bundesland. In Thüringen ist die Anzahl der Getöteten von 121 im Jahr 2014 auf 96 im Jahr 2024 gesunken, während sie in Sachsen-Anhalt konstant höher bleibt und zudem stärkeren Schwankungen unterliegt. Das Jahr 2022 sticht besonders hervor: Sachsen-Anhalt verzeichnet mit 152 Verkehrstoten den Höchstwert der gesamten Zeitreihe, während Thüringen im selben Jahr mit 85 Todesfällen einen vergleichsweise niedrigen Wert aufweist. Der Unterschied war auch in den Corona-Jahren 2020 und 2021 deutlich zu erkennen- trotz rückläufiger Zahlen in beiden Ländern blieb Sachsen-Anhalt konstant über Thüringen.
Insgesamt wird deutlich: Das Risiko bei einem Verkehrsunfall zu verunglücken, ist in Sachsen-Anhalt langfristig spürbar höher als im benachbarten Thüringen.
Unfall-Hotspots von Sachsen-Anhalt
Verkehrsunfälle in Sachsen-Anhalt sind kein Zufallsphänomen. Das zeigt sich besonders an den wiederkehrenden Hotspots. Die Halberstädter Straße in Magdeburg war im Jahr 2024 mit 38 Unfällen die unfallreichste Straße Sachsen-Anhalts, acht davon mit schweren Verletzungen. Sie zählt – ebenso wie die Dessauer Straße in Wittenberg – zu den wenigen Straßen, die in den Jahren 2022, 2023 und 2024 jeweils unter den zehn gefährlichsten des Landes lagen.
Auch auf den Autobahnen häufen sich schwere Unfälle. Ein zentraler Unfall-Schwerpunkt ist die A2. Insbesondere auf den Abschnitten bei Ingersleben und Möckern ereigneten sich im Jahr 2024 zusammengenommen 59 Unfälle. Rund jeder zwölfte Verkehrstote in Sachsen-Anhalt stirbt laut MDR auf der A2. Übermüdete Lkw-Fahrer, zu geringe Sicherheitsabstände sowie Auffahrunfälle an Stauenden gelten hier als Hauptursachen.
Doch nicht nur Autobahnen sind gefährlich. In Städten und auf Landstraßen zeigen sich ebenfalls wiederkehrende Risikozonen. So weist beispielsweise die B81 im Oberharz eine auffällig hohe Zahl an Unfällen mit schweren Verletzungen auf. Auch mehrere Straßen in Magdeburg, Halle und Wittenberg zählen zu den Unfall-Hotspots des vergangenen Jahres.
Das Unfallgeschehen in Sachsen-Anhalt ballt sich damit immer wieder an bestimmten Straßenabschnitten – viele dieser Gefahrenstellen bestehen bereits seit Jahren.
Was sind die Unfallursachen?

In Sachsen-Anhalt kommt es alle sieben Minuten zu einem Verkehrsunfall, so der MDR. Hauptursache für tödliche und schwere Unfälle ist laut Polizei eine überhöhte Geschwindigkeit, etwa jeder dritte tödliche Unfall geht darauf zurück.
Ein weiteres zentrales Problem sei die ländliche Struktur des Bundeslandes. Wie der MDR berichtet, passieren in Großstädten wie Hamburg oder Berlin laut Experte Nils Horschick, verkehrspolitischer Sprecher des ADAC, mehr Unfälle als in Sachsen-Anhalt. Diese verlaufen wegen niedrigerer Geschwindigkeiten allerdings meist weniger schwer. Auf Landstraßen wird häufig schneller gefahren, die Fahrbahnen sind unübersichtlich und Wildwechsel tritt besonders häufig auf. Jeder fünfte Unfall in Sachsen-Anhalt ist ein Wildunfall, insgesamt 14.615 Fälle im Jahr 2024, so der MDR. Besonders betroffen sind hier die Morgen- und Abendstunden. Faktoren, die auf Landstraßen überdurchschnittlich oft zu schweren Unfällen führen seien riskante Überholmanöver, Fehleinschätzungen von Geschwindigkeit und Gegenverkehr, sowie Ablenkung- wie etwa durch das Smartphone, so Jan-Georg Ankewitz, Referent im Bereich Verkehrssicherheit des ADAC Niedersachsen/Sachsen-Anhalt. Laut Ankewitz ist Ablenkung am Steuer bei rund jedem zehnten Unfall mit Personenschaden der entscheidende Auslöser und damit bereits ähnlich relevant wie Alkohol am Steuer. Besonders Smartphones, Navigationsgeräte, aber auch Essen, Trinken oder Gespräche mit Mitfahrenden führen dazu, dass die Aufmerksamkeit des Fahrenden vom Verkehrsgeschehen abgelenkt wird. Der ADAC fordert deshalb, Ablenkung stärker in der Fahrausbildung zu thematisieren und Fahrzeugbedienungen wieder so zu gestalten, dass Grundfunktionen ohne Blickabwendung möglich sind. Auch auf Autobahnen zeigen sich strukturelle Risiken, die Unfälle begünstigen. Übermüdung, geringe Abstände und fehlende Kontrollen gelten hier als zentrale Ursachen, so der MDR.
Laut Angaben des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt trifft das Unfallrisiko vor allem zwei Altersgruppen: junge Erwachsene zwischen 18 und 24 Jahren sowie Seniorinnen und Senioren. Während junge Fahrer, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, überdurchschnittlich häufig in Unfälle verwickelt sind, stellen ältere Verkehrsteilnehmende mehr als ein Drittel aller Verkehrstoten im Land dar.
Nicht ein einzelner Faktor, sondern ein Zusammenspiel aus hohen Geschwindigkeiten, ländlicher Infrastruktur sowie menschlichem Fehlverhalten prägt das Unfallgeschehen in Sachsen-Anhalt. Ohne gezielte Kontrollen, bauliche Maßnahmen und Präventionsarbeit, insbesondere für junge Fahrerinnen und Fahrer, bleiben viele dieser Risiken bestehen und die Unfallquote nicht minimiert werden, so der ADAC in Bezug auf die Verkehrssicherheitslage im Land.
Wie steht es denn nun um die Verkehrssicherheit?

Sachsen-Anhalt gehört zu den Bundesländern mit besonders vielen Verkehrsunfällen- und im Verhältnis zur Einwohnerzahl kommt es hier auch überdurchschnittlich häufig zu tödlichen Verkehrsunfällen. Dabei wird ein Muster deutlich: Bestimmte Hotspots sind besonders gefährlich. Hierzu zählen etwa Autobahnen wie die A2, Landstraßen mit Wildwechsel sowie einzelne innerstädtische Straßen. Die Hauptursachen für die hohe Unfallzahl im Bundesland sind ebenso oft dieselben: Überhöhte Geschwindigkeit, Ablenkung am Steuer, riskante Überholmanöver sowie die Herausforderungen der ländlichen Infrastruktur. Zudem wird deutlich, dass junge Fahrerinnen und Fahrer überproportional häufig in Unfälle verwickelt sind, während die älterem Verkehrsteilnehmenden einen großen Teil der Verkehrstoten ausmachen.
Unsere Analyse zeigt: Die hohen Zahlen sind kein reiner Zufall. Vielmehr entstehen sie aus einem Zusammenspiel von menschlichem Fehlverhalten, strukturellen Gegebenheiten sowie fehlender Prävention. Ohne gezielte Kontrollen, bauliche Verbesserungen und eine verstärkte Aufklärungsarbeit bleibt die Verkehrssicherheit in Sachsen-Anhalt weiterhin in einem kritischen Zustand.
Über unser Projekt
Wir sind Johanna Bremer und Alisha Battenfeld, wir studieren gemeinsam im fünften Semester Journalismus im Bachelor an der Hochschule Magdeburg-Stendal.
Auf das Thema sind wir durch eigene Beobachtungen gekommen – ursprünglich haben wir über die Infrastruktur in Ostdeutschland nachgedacht. Uns selbst sind ein paar Schlagzeilen bezüglich des Verkehrs der Region aufgefallen. Da wir selbst oft mit dem Auto fahren, haben wir haben uns gefragt: Wie sicher ist eigentlich der Verkehr in Sachsen-Anhalt? Dem sind wir mit unserer Datenstory auf den Grund gegangen.
Bei Fragen oder Anliegen können Sie sich über die Mailadresse alisha.battenfeld@stud.h2.de melden.
Quellen
Die Grafiken wurden mit Datawrapper erstellt. Der Ersteller sowie die genutzen Quellen sind an den Fußzeilen der Diagramme zu entnehmen.
Informationen aus: Unfallatlas, Mobilitätsindex, Statistisches Bundesamt, ADAC, Genesis Sachsen-Anhalt, Verkehrsstatistik des Thüringer Ministerium für Inneres, Kommunales und Landesentwicklung, MDR